Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Die Gesellschaft stellt Fragen, also antworte ich.

Ich bin ein politischer Mensch.

Ob ich es will oder nicht.

Die Gesellschaft stellt Fragen, also antworte ich.

Ich sage «Liebe» und die Leute sind überrascht, dass ich dazu etwas zu sagen habe, geht es «uns» Homosexuellen doch nur um Sex.

Ich sage «wir Männer» und Männer schauen beschämt zu Boden, weil zwischen mir und ihnen, da besteht doch einen großer Unterschied.

Ich schreibe ein Buch, das, neben vielen anderen, queere Protagonisten aufleben lässt, und ich werde gefragt – und das bemerkenswerte ist, ich frage mich danach auch selbst – ist das ein queeres Buch?

Mit OPOE (Ullstein fünf, 2018) habe ich kein politisches, kein queeres Buch geschrieben. Ich habe ein Buch geschrieben. Es ist aber, ob ich es will oder nicht, eines geworden: Denn ich sage in ihm «Ich».

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Ich bin ein politischer Mensch – ein wenig, weil ich es gewählt habe, ein wenig aus Lust an der Sache, an der Rhetorik, dem Perspektivenwechsel, dem Altruismus und dem Kampf für eine sozialere Welt. Aber vor allem, weil ich so geboren wurde, nicht direkt politisch, aber schwul oder eben quer zur Norm, queer.

Als Jugendlicher war für mich eine der prägendsten Erfahrungen die erlebte Dissonanz zwischen der Realität meiner Existenz und der Abwesenheit eines Platzes, den die Gesellschaft dafür vorgesehen hat. Ich stand vor der Wahl, meine Eigenheiten zu ignorieren, zu verstecken oder einen Platz für sie zu erkämpfen.

Der Platz als queer denkender und als «schwul» gelesener «Mann» ist, wie der Platz von vielen anderen Minderheiten, umstritten. Sowohl außerhalb als auch in mir. Die Gesellschaft sieht es als Selbstverständlichkeit an, dass sie einen großen Teil meiner Identität in der Öffentlichkeit verhandeln darf. Das Ringen um die «Ehe für alle» ist da genauso gemeint wie die Anfrage zu diesem Blog-Beitrag, «wie und ob man in einem literarischen Text das Queersein von Charakteren erzählt».

Verstehen Sie mich nicht falsch: Über Identität zu reden ist nichts Verwerfliches. Eine funktionierende Gesellschaft muss sich austauschen. Identität ist keine Konstante, sie verändert sich ständig und verlangt nach anhaltender Reflexion. Nicht zu Letzt aus Respekt für mein Gegenüber stelle ich gerne zur Disposition, was immer ich von mir zur Disposition stellen kann. Meine Existenz, deren Essenz das Lieben ist, verhandle ich aber nicht.

 

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Ausschnitte aus: Die Gesellschaft stellt Fragen, also antworte ich. Zuerst erschienen bei resonanzboden.com

 

ULF - Unabhängige Lesereihen Festival

LITERATUR IN WEISSENSEE
Samstag, 12.00 – 13.30 Uhr | Galerie
Lesereihe für Gegenwartsliteratur und Diskurs aus Berlin

Alexander Graeff und sein literarischer Gast, der Schriftsteller Donat Blum, sprechen über »queere Geschichte(n)« und lesen Prosa und Lyrik zum Thema. Immer noch bildet deutschsprachige Literatur vornehmlich dominante Gesellschaftsstrukturen und Biografien ab. Geschichten, die nicht der allgegenwärtigen heteronormativen Verfugung zugerechnet werden können, bleiben meist unsichtbar oder werden nicht selten zu einer clownesken Exotik stilisiert, die Differenzen zementiert. Literatur vermag aber nicht nur die deviante(n) Geschichte(n) sozialer Verhältnisse zu erzählen, sondern kann auch im Sinne von Empowerment alternative Lebensrealitäten eröffnen.

Seit Januar 2013 präsentiert der Schriftsteller Alexander Graeff in der Brotfabrik Berlin »hochkarätige Prosa und Lyrik« (Berliner Abendblatt). In jeder Lesung erwartet Sie zeitgenössische Literatur in, aus und für Weißensee sowie wechselnde literarische Gäste. »Literatur in Weißensee« folgt einem dialogischen Lesungsformat. In jeder Ausgabe tritt der Gastgeber in den Dialog mit seinem literarischen Gast, so entsteht nicht nur das Gespräch über ein literaturrelevantes Thema, sondern auch ein Dialog der Texte. »Literatur in Weißensee« zeigt nicht nur Gegenwartsliteratur in ihrer ganzen Vielfalt, sondern will auch den Diskurs über Gegenwartsliteratur bereichern.

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Gast: Donat Blum
Team/Moderation: Alexander Graeff

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Das Festival findet statt im Z-Bau in Nürnberg:
Frankenstrasse 200
90461 Nürnberg

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