Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

wer war diese frau, in der ich mich erkannte, in deren antlitz
alles mit der zuflucht in mein eigenes gesicht begann,
in deren schweigen ich zuletzt unterschlupf suchte

 

es tauchen dinge hinter der scheibe auf

 

I
alles stellt sie ins fenster, fast alles, was sie hat, stellt sie irgendwann mal ins fenster, alles
probiert sie aus, noch etwas hier und etwas dort, bis sie auf einmal wieder verschwindet.
etwas schüchtern zupfen ihre hände die gardine zurecht. dann rollt sie sich mit ihrem
schmalen körper in das gewebe ein und schaut mich durch das
muster an, bauscht es noch ein wenig mit ihrem atem auf.

II
immer eine hand oder zwei, die etwas zurechtrücken, sortieren, platzieren, hinterm weißen
schneefedergruß einer chrysantheme. kaum einer bemerkt ihre hände und ob es gestern
oder heute war, immer wieder lasse ich mich überraschen von den konstruktionen auf
ihrer kleinen fensterbühne.

III
nach der schule, wenn die kinder nach hause gehen, stellt sie figuren oder vasen, sogar
einen alten schulranzen mit einem schmetterling für sie auf, dazwischen etwas brotpapier,
und ganz in sich selbst verzückt legt sie ein taschentuch aus seide um eine ihrer pflanzen.

IV
einmal möchte ich sie treffen, will wissen, wie sie lebt und warum sie beginnt zu schimpfen
in ihrer geysirischen sprache, will wissen, wer sie ist inmitten ihres gartens mit ihrem
schneekugelglas.

V
an einem trüben tag sah ich ihr verschmitztes gesicht durch eine zeitung blicken,
in die sie ein loch geschnitten hatte. wie ein kind, aus einem baumversteck, lugte
sie hervor. dann zeigte sie mir eine kleine sonne aus papier und ein anderes mal
wieder eine wolke, an der wollfäden hingen, so dass es aussah, als ob es regnete.

VI
eines tages, an einem kalten wintermorgen hinter der gardine ihr gesicht wie erstarrt.
ich wollte sie aufmuntern, ihr frostgesicht auftauen oder war ihre fremdheit nur ein spiel,
dass mich erschrecken sollte.

VII
als ich näher ans fenster trat, fast die scheibe berührte, sah ich mein eigenes
spiegelbild mit ihrem gesicht verschmelzen, sah tränen darin, von denen ich nicht
wusste, ob es meine oder ihre waren.

VIII
wer war diese frau, in der ich mich erkannte, in deren antlitz alles mit der zuflucht in
mein eigenes gesicht begann. sie wollte so sein und sie musste so sein, so sein wie sie
war, die frau hinterm fenster im selbstgespräch mit ihren gardinen.

IX
es war fast ein jahr vergangen, als ich sie wieder besuchte. ich glaubte, sie sei am fenster
in der sonne eingeschlafen. auf ihrem arm krabbelte eine fliege, die sie nicht zu bemerken
schien. ganz zaghaft versuchte ich sie mit einem klopfen zu wecken. als sie nicht reagierte
versuchte ich es mit einem kleinen stein.

X
vor mir der gespiegelte wald in ihrem fenster. wer pflanzt mich in sein schweigen ein.

Mehr Bilder und Texte