Text des Tages

schlafende marionette

I
wann hat sie ausgeschlafen, mit der erloschenen kippe und der schminke am mund, die
schöne holzkopfprinzessin. mit ihren goldenen reißzweckenaugen kann sie alles sagen
und sich am ende sogar am seidenen faden mit einer waghalsigen wahrheit
verabschieden.

II
abends, wenn sie aus ihrem an dünnen fäden aufgehängten schlaf erwacht,
beginnt sie mit kleinen trippelschritten zu tanzen. er zündet sich für sie hinterm vorhang
eine puppenspielerzigarre an. sie zieht mit weißen rauchkringeln
OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO davon. er
singt vom geheimen liebesbriefkästchen der prinzessin im versteck einer höhle im baum.
er braucht es nur mit einem schlüssel, der größer ist als sie selbst, zu berühren und schon
springt es auf. ist das nicht schön, dass man so einen schlüssel nicht so leicht verlieren
und mit ihm sogar große geheimnisse aufschließen kann?

III
das kästchen duftete nach lavendel- und zitronenblüten, die der gärtner heimlich für die
prinzessin hinein gelegt hatte. auch seine liebesbriefe lagen unter den blüten. das hatte
der könig gesehen und ihn zur strafe in seinen tiefen kerker gesperrt. die prinzessin sollte
alle briefe samt blüten vor den augen ihres liebsten verbrennen, aber die blüten und briefe
wollten kein feuer fangen, weil die tränen der prinzessin stärker waren.

IV
wir müssen wieder alles sagen können, was schön ist, ohne zu lügen, sagt die prinzessin
zu ihrem liebsten. als der puppenspieler das hört, spricht er zu ihr: ich kann doch die
wahrheit nicht ohne die lüge sagen. ich brauche die lüge, und dich liebe prinzessin, brauch
ich dazu, damit am ende alle nach der wahrheit rufen.

 

Erstveröffentlicht: Risse. Zeitschrift für Literatur in Mecklenburg und Vorpommern, Ausgabe 42, Kiste, 2019

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