Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

gegen die windräder

wusste prometheus
der vorausdenkende
als er die glut auf die erde brachte
damit der mensch ein zivilisierteres leben habe

dass er gaia damit zum schwelen verdammte?
und dass eines tages dunkle gestalten,
unersättlich und sterblich, entscheiden den moment auszuschlachten um
heilsversprechen zu machen?

dabei das land unter sich aufteilen
und die letzten unverletzten
berge inseln und landschaften in namen der hoffnung absägen um sie
mit der maschinerie der sterblichen zu bestellen?

wie kommt man gegen einen so gewaltigen plan an?
so abwegig die mission erst erschien
setzten wir segel zu den inseln die bald vergehen sollten
und harrten auf rückenwind

der rumpf unseres bootes:
16 mann auf 16 meter länge
eine schiffsschale aus holz und willensstärke
die schwimmfähigkeit versprach

der mast - mal halm, mal mast:
träger unseres segels
aller notwendiger schiffsteile und
mitgebrachter ideale

oh, und das segel
dieses feste hoffnungsfleckige tuch
dem unsere gespräche
antrieb gaben

das kiel – bei acht
beaufort gegenwind
das rückgrat das uns von einer
abdrift abhielt:

schlicht, unser grauen vor einer heimat die keine heimat mehr sein wird -
inseln die in beton versinken, flachgemachte berggipfel
auf denen wir die letzten wild- und raubvögel
einem grausamen tod hingeben

und einen himmel - so weit das auge reicht - aus industriellen windkraftanlagen
mit der sie die jahrtausendalte ägäis übersäen:
unsere revolte bevor verkaufte menschen und ihre profitmaschinen
überhand nehmen

ich legte mich aufs deck -
du legtest dich auf die andere seite
unser kissen:
eine lose ankerleine

während wir versuchten die augen vor der
dystopie der roten windradlichter zu verschließen:
science-fiction-schwerter die nachts auf
meilen und meilen die einst still

schimmernden sternenschwärme
mechanisch durchkreuzten:
das rot der windräder verfolgte uns bis
in die abgelegendsten meeresecken bis,
als wir nicht mehr konnten, in unsere träume

*

später erst bemerkten wir helios, den alten,
mit seinem sonnenwagen über den himmel fahren:
er flutete uns, so unentmutigt wie zu prometheus’ zeiten
mit etwas fast verloren geglaubten

 

* zum Hintergrund des Gedichts

Griechenland steht vor einer nie da gewesenen und nicht wieder gutzumachenden Zerstörung seiner Landschaft. Die Mehrzahl aller griechischen Bergketten und fast alle Inseln – zumeist Natura 2000 Naturschutzgebiete – sollen zu riesigen Windkraftanlageparks umgebaut werden. Berge werden flachgemacht, insgesamt tausende Kilometer lange Straßennetze in unberührte Gebiete verlegt und tausende Windkraftanlagen von 150 bis 200 Meter Höhe auf den oftmals höchsten Stellen der Berge und Inseln hingestellt, von denen jede einzelne eine Zementbasis in der Größe eines Fußballfeldes benötigt. Inseln, selbst die allerkleinsten - wo letzte Paare mehrerer bedrohter Vogelarten Zuflucht suchen, die von so weit wie Madagaskar anreisen – sind von den Bauplänen nicht ausgenommen. 

Das alles findet ohne eine Berichterstattung und Aufklärung der griechischen Bevölkerung statt. Bisher geltende Naturschutzgesetze und glaubhafte, unabhängige Umweltprüfungsverfahren, sowie das Mitbestimmungsrecht der Einwohner über ihre Gemeinde, ihre Insel, ihr Land wurden während der Covid-Quarantäne im Mai 2020 im Eilverfahren von gerade 25 anwesenden Parlamentariern im griechischen Parlament ausgehebelt. Auf Inseln wie Amorgos, die eine bis zwei Windkraftanlagen zur Deckung ihres Strombedarfs bräuchte, sind bereits über 70 geplant. Auf den anderen Inseln sieht es genauso unverhältnismäßig aus. 

Eine kleine Gruppe von Bürgern - darunter Wissenschaftler, Ingenieure, Umweltaktivisten und Journalisten – die die Baupläne der griechischen Regulierungsbehörde für Energie (RAE) verfolgt, ist im Juni 2020 in einem gemieteten Segelboot aufgebrochen, um die Bürger einiger kleinerer Inseln über die von RAE bewilligten Baupläne und deren Konsequenzen aufzuklären – und auch um die Orte zu besichtigen, an denen laut den offiziellen Plänen der Energiebehörde RAE Windparks gebaut werden sollen. Diese Pläne sind so allumfassend und zerstörerisch - Windparks quer durch Naturschutzgebiete aufgestellt, auf bis zu 2000 Meter hohen Berggipfeln, direkt über traditionellen Dörfern, neben und auf archäologischen Stätten, dazu quer über das gesamte Inselgebiet verteilt - dass man an seine mentalen und emotionalen Grenzen stößt, sobald man begreift, wie Griechenland in wenigen Jahren aussehen wird;  und zum Teil auch unbewohnbar gemacht worden sein wird. Einwohner sehr kleiner Inseln wie Kinaros und Levitha sollen sogar gezwungen werden, diese zu verlassen, um der kompletten Umwandlung ihrer Insel in einen Windpark nicht mehr im Weg zu stehen. Sie werden vom Griechischen Statistischen Amt (ELSTAT)  seit einiger Zeit als «nicht-existent» aufgeführt, obwohl sie sich – wie bei jeder Volkszählung – bei den Behörden gemeldet haben. Wenn es keine Aufklärung der europäischen Bevölkerung und keinen flächendeckenden Widerstand gibt, wird es die Ägäis, wie sie seit Jahrtausenden überlebt hat, in 10 Jahren nicht mehr geben. 

Das Gedicht handelt von dieser Segelreise.

 

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