Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

»Manchmal, beim Lesen einzelner albanischer Wörter, stolpert es in meinem Kopf, und aus einem Wort wird ein anderes, deutsches, und ich lese zum Beispiel ›e barabarët‹, ›gleich, gerecht‹ und denke ›Barbaren‹, wobei ich, zu allem Überfluss, in ähnlichen Situationen oft auch ein anderes albanisches oder gar englisches Wort erkenne anstelle des korrekten Begriffs. Irgendwie ist das immer mehr als eine bloße linguistische Fehlleistung, vielmehr legt der Fehler erst die Bedeutung in das Wort, oder anders: Das Wort ist ein Boot, und wenn nur die eine Bedeutung nahe dem Bug sitzt, droht es unterzugehen, gerettet nur durch das glorreiche, fehlerhafte Auftauchen der zweiten Bedeutung im Heck, die alles rettet, was nicht mehr zu retten ist.

Ich hatte nicht alles lesen können, ich hatte andere Probleme. Aber genau an dem Schnittpunkt zweier Kurven, wobei Kurve A die steil ansteigende Anzahl der Probleme markiert, während Kurve B die konstant niedrigbleibende zugestandene Relevanz dieser für das eigene Leben kennzeichnet, befindet sich der Moment, an dem das trotzige Lesen im Angesicht der irrelevanten Feinde und Nöte das Licht der Welt erblickt. Und so kam es, dass ich in einem schönen Mai mit einem ziegelsteinschweren Buch, nämlich 2666 von Roberto Bolaño, durch Wien spazierte.«

 

Enis Maci: Eiscafé Europa © Suhrkamp Verlag Berlin 2019

 

Veranstaltungshinweis

Do, 13. August 2020
Haus der Kulturen der Welt
What We Should Have Read

Literarischer Talk mit Hanna Engelmeier, Marius Goldhorn, Enis Maci, Bonn Park und Karosh Taha, moderiert von Mascha Jacobs

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