Text des Tages

Alexander war nie in der Tundra

Zur Zeit seines Aufenthalts in den eisigen Steppen des Nordens nähert sich Alexander eine Dame, die ihm ihr Leben erzählt. Alexander lauscht und lauscht angespannt wie einer, der es gelernt hat, zuzuhören, weil er weiß, daß seine Sprache so schneidend wie zärtlich ist. Die besagte Dame gerät in immer größere Verzückung, und Alexander beginnt zu zweifeln. Ist es mein Verlangen oder ihres, fragt er sich. Die junge Frau muß bald wieder aufbrechen, sie nimmt seine Hände, küßt sein Gesicht und wirft sich auf den unbeugsamen Alexander, der, zutiefst erschrocken, das unendliche Vergnügen spürt, das ihm die Berührung mit der Dame, ihre Haut, ihre Stimme, die Sprache der Dame bereiten. Und da beginnt der Konflikt. Die Sprache der Dame ist dieselbe wie die seiner Mutter und seiner Schwester:  Es ist die Liebesprache seiner mazedonischen Heimat. Das Flüstern der Begierde, das Keuchen der Konsonante tief in der Kehle, die Verschwörung der Vokale. Und zum ersten Mal fühlt er das Unglück Ausländer zu sein. Auf seine Lagerstätte geworfen, brüllt er seine Verzweiflung hinaus und stellt noch einmal dieselbe Frage. Ist es mein Verlangen oder ihres? Das Fragen jedoch macht ihn nicht frei. Als ein Verbannter stürzt er sich die Pfade der fremden Sprache herab, voller Sehnsucht nach Doppellauten und Daktylen.  Es ist ausweglos, sich zu verstecken. Diese Silben würden ihn überall heimsuchen. Da nimmt er sein Pferd, gibt ihm die Sporen und flieht, verfolgt von der Sonne dieser Worte, die das Eis unter den Hufen zum Schmelzen bringt. Er hat Angst.

 

***

 

ALEJANDRO NUNCA ESTUVO EN LA TUNDRA

Estando Alejandro en las estepas  heladas del Norte se le acerca una dama que le cuenta su vida. Alejandro oye y oye, como quien ha aprendido a escuchar porque sabe que su lengua tiene tanto filo como ternura. La susodicha se embelesa más y más, y Alejandro comienza a dudar. Es mi deseo o el de la señora, se pregunta. La chica se tiene que ir pronto, lo toma de las manos, le besa el rostro, se le tira encima al adusto Alejandro, quien siente, sumido en el espanto, el infinito placer que le proporciona el contacto con la dama, la piel de la dama, la voz de la dama, -y ahora sí que viene el conflicto- el idioma de la dama. El idioma de la dama es el mismo que el de su madre, que el de su hermana: es la lengua del amor de su Macedonia original.  Son los susurros del deseo, el jadeo de la consonante suspendida en el paladar, la conspiración de las vocales. Y él, por primera vez, siente la trampa de ser extranjero. Tirado en su celda de campaña aúlla su desasosiego y vuelve a la pregunta del principio. Es mi deseo o el de ella. Preguntarse sin embargo, no lo hace libre. Desterrado, se despeña por los senderos de la jeringonza, invadido por una profunda añoranza de diptongos y esdrújulas. Imposible esconderse, esas sílabas lo encontrarían de todas formas. Entonces toma su caballo, lo espolea y huye, perseguido por el sol de esas palabras que van derritiendo el hielo bajo los cascos.  Y tiene miedo.

 

Übersetzung: Katherina Posada. Erschienen in Almeda 39. Alameda 39 ist ein spanisches Lyrikmagazin. In der 6. Ausgabe stellt Kathrin Schadt 13 Lyrikerinnen aus Deutschland vor. Näheres hier

Lesetermine:  25.01.2020 in Barcelona, ​​30.04. 2020 in Huelva und 16.-17.05.2020 in Köln.

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