Text des Tages

Der Krieg der Zimmer in meinem Haus

HANS THILL

Hans Thill ist Teil der Expedition Lyrik

1
Ich liege neben meinem Körper,
der sich übt in Schlaflosigkeit.
Er ist ein leuchtendes Boot, seine Organe
verschwinden, indem sie die Form
des Lichts annehmen

2
das in idealen Locken zum Fenster
hinausfliegt. Meine Extremitäten
sind steif wie eine Anhängerkupplung,
es geht rückwärts aus der Kammer
des Schlafs in den Raum

3
der Erholung nach dem Schlaf.
Ich habe Lots Frau zu meinen Diensten,
die mir die Richtung weist

4
Ich habe meine Organe verloren,
ich betrete mein Haus im Krieg
des Lichts, das alle Gegenstände
vertreibt. Ich gehe von der Kammer
der Vorläufigkeit ins Zimmer

5
der Schrift und dann ins Zimmer
der Entropie. Ubu versucht jetzt zu
schlafen. Der Schrein der letzten
Worte, der Sager

6
mit Schultern wie ein Mädchenbrot.
Den Krieg habe ich mir selber
zusammengesucht. Ich nenne
mich Rest von etwas und schreibe
das auf ein T-Shirt

7
Ich kann nicht leben ohne T.
Ich betrachte es wie ein Insekt,
Zikade oder Kakerlake.
Kein T ohne

8
durchsichtige Flügel. Mein Körper
sieht feindliche Flieger,
gefiederte Heuschrecken,
Hubschrauber usw.

9
Pferde meiner Nächte, Tanz
geölter Krieger, holy spirit army

10
Antonius mit dem Schwein unterm Rock,
der junge Anarcharsis

Hans Thill, geboren 1954 in Baden-Baden, lebt seit 1974 in Heidelberg. Lyriker und Übersetzer. Mitbegründer des Verlags Das Wunderhorn. Leiter des Künstlerhauses Edenkoben und der Übersetzerwerkstatt »Poesie der Nachbarn - Dichter übersetzen Dichter«. Peter Huchel-Preis 2004 für "Kühle Religionen". Zuletzt erschienen: "Museum der Ungeduld", Heidelberg: Wunderhorn 2010 und "Das Buch der Dörfer"; Berlin: Matthes & Seitz 2014. Im März 2015 erscheint bei BRUETERICH PRESS sein neuer Gedichtband "Ratgeber für Zeugleute", dem das Gedicht "Der Krieg der Zimmer in meinem Haus" entstammt.

Expedition Lyrik

 

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