Fixpoetry

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Text des Tages

Ein Dienstag

Am Mittag lag ein grosser schwarzer Vogel, ein Rabe vielleicht, tot auf der Terrasse meiner Grosseltern. Es war der 21. Oktober, ein Dienstag und den ganzen Tag sollte ein heftiger Herbststurm über Süddeutschland und die Alpen ziehen. Im Sturm muss der Vogel die Orientierung verloren haben und gegen die hohen Glasfenster ihres Wohnzimmers geflogen sein. Am Morgen des nächsten Tages sollte er verschwunden sein, ohne dass ihn meine Grossmutter bewegt hätte. Und sie schien sich sicher, eine Katze habe ihn geholt.

In der frühen Nacht fing es erneut an stärker zu stürmen. Als in der hohen Halle ihres Wohnzimmers nur noch der Wind und das Prasseln des Regens zu hören waren, durchschnitt auf einmal das Läuten des Telefons die Stille. Ich sah wie meine Grossmutter immer aufgeregter wurde und sofort nach dem kurzen Telefonat begann die Nummer der Feuerwehr zu wählen. Die hohe Tanne, die seit beinahe 30 Jahren in ihrem Garten gestanden hatte, lag nun entwurzelt quer über der Seitenstrasse. Nachbaren standen bereits um sie im Regen, als ich in Mantel und Mütze meines Grossvaters zu ihnen an den toten Baum trat um den Feuerwehrleuten zu erklären, dass ich der Enkel der Besitzerin war. Menschen die ich nicht kannte schüttelten mir die Hand und drückten mir ihr Beileid aus. Einer der Nachbarn, der Ehemann der Frau, die uns angerufen hatte, bestand darauf den Feuerwehrleuten ein Trinkgeld zu geben. Und, da ich kein Geld bei mir hatte, liess ich ihn gewähren.

Als es wieder still wurde, der tote Baum zersägt auf dem Rasen meiner Grossmutter lag, die Strasse wieder dunkel und leer war, erfüllte erneut nur der Wind und sein Regen die Stille des hohen Wohnzimmers. Im ganzen Haus brannte einzig die kleine Stehlampe neben uns. Ich sass auf dem Sofa, meinen linken Arm um die dünnen Schultern meiner Grossmutter gelegt und spürte deutlich ihre hervortretenden Arm- und Schulterknochen. Ich dachte an den toten Vogel, dessen Körper vielleicht bereits nicht mehr auf der Terrasse war. Ich dachte an den toten Baum, der in Teile zersägt im Dunkel des Gartens lag. Und ich dachte an meinen Grossvater, der am Mittag desselben Tages gestorben war und nie etwas wissen würde vom Tod des Vogels auf seiner Terrasse, vom Tod der Tanne in seinem Garten.

Alles war still und noch bevor sie ihren Mund öffnete, um es mir zu sagen, wusste ich, dass sie an den Körper ihres Mannes dachte, der irgendwo in einem Kellerraum des Krankenhauses in einer Kältekammer lag, während wir in der Stille des Wohnzimmers sassen, das am Morgen noch das seine gewesen war, und über uns ein Sturm wehte, der den nächsten Tag mit Kälte und Regen beginnen lassen sollte.
 
 

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