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Text des Tages

Gertrud Kolmar zu Ehren

* 10. Dezember 1894  † vermutlich Anfang März 1943 in Auschwitz

 

Die Landstreicherin

Ein Leben hab ich umkrampft,
Bin zwanzig Tode gestorben,
Ward mit den Blumen zerstampft,
Und mit dem Unkraut verdorben.
Die Klette fliegt nicht aus dem Schopf
Mit Gräsern und Stengeln und Stränge;
Mich schüttelt die Welt vom Kopf,
Und ich bleibe doch an ihr hängen!

Mein sind die Feuer der Erde
Und Wind, der zum Hüpfen geblasen;
Der Schäfer treibt morgen die Herde
Aus bröselig schwärzlichem Rasen;
Ich ward mit den Flammen vergossen
Und bin mit den Lüften verzittert,
Ich fraß meinen Feldgenossen
Und hab ihn wie Dürrholz zersplittert.

Die Leute kramen in Büchern
Und reißen aus jedem Gesetze
Und reiben mit sanftesten Tüchern
Nur blank ihre schuftende Hetze;
Sie haben kein Huhn gestohlen
Und schirren ergaunerten Schimmel
Ich laufe doch nur mit den Sohlen,
Und mein Sinn steht klar wie der Himmel.

Sie hüten so manches Ding
Noch neben dem Essenrauche,
Darüber ich stolpre und spring
Und das ich vor allem nicht brauche.
Sie bauen wie Straßen sich aus
Und wissen nicht, wo sie enden:
Ich bin nur ein Ackerstrauß
Und halte mich selber in Händen.

 

"so möchten wir uns am 10.12.19 um 15.30 am stolperstein für gertud kolmar an ihrem letzten erzwungenen wohnort in einem so genannten „judenhaus“ in der speyerer straße 10 (heute: münchener straße 18a) in berlin am historischen ort treffen, um für diese große jüdische dichterin zu lesen und an sie zu erinnern. jede*r kann vorbeikommen und ein gedicht von gertrud kolmar lesen, es sind vor ort genügend texte vorhanden." ruth johanna benrath, constanze jaiser & iris wachsmuth. Näheres hier

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14.12.2019 im Museum Falkensee: Lesung Gertrud Kolmar zu Ehren, die in den Jahren 1923 bis 1939 im Haus Ihrer Eltern in Falkensee-Finkenkrug lebte. Die Villa in Finkenkrug an der damaligen Manteuffelstraße (heute Feuerbachstraße) war von einem großen parkähnlichen Garten umgeben. In der Schönheit und Abgeschiedenheit des Ortes entstand fast ihr gesamtes Werk. Die Lesung hält Ulrike Draesner, Hauptpreisträgerin des Gertrud Kolmar Preises 2019. Näheres hier

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