Text des Tages

Bienen-Lieder

Und so trauerte ich oft wie Goldberg an den Festen der anderen,
Trauer, Bedauern, das leichter wurde, da ich mich dreinschickte.
Dachte über Jahre, ich trage das Leben wie ein eingelaufenes Kleid,
seit Kurzem, da ich nicht mehr dranzerre, wird es täglich länger, weiter.

Dichtete ich nicht, so betete ich – Schabbat kommt und ich
sitze und schreibe und fühle mich trotzdem und darum
königlich geschmückt, es rascheln meine Hände vor Seiden-
ärmeln, die über den Boden schleifen bei jedem Versanbruch.

Bräutigam kommt und ich sitze und bleibe, die Braut und die Goja,
Debora vor allem, Kriegerin, und wenn die Seide wieder summt,
auch Melissa, denn ist die Tinte leer, nehm ich Honig, ganz antik,
dass meine Zeichen gleißen wie Sonne, kleben wie ihr Kummer, la vie.

Ich bete nicht, ich dichte – und doch höre ich euch von Weitem und weine.
Wie schön sind deine Gebete, Jakob. Königin Schabbat meint sich gerufen,
findet mich festlich und lächelt, sieht mich singen, allein und verschwindet:
Denn nie unterbricht sie die Dichterin, die ihr Gasthäuser baut in der Fremde.

Veröffentlicht in: Versnetze_elf. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart, hg. von Axel Kutsch, Weilerswist: Verlag Ralf Liebe, S.112.