Fixpoetry

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Text des Tages

Buhnen – Buden

Schmerzflecken zeigen sich und verschwinden
Schaum, den das Meer heranspült, zurückzieht
das Wasser bereitet den Tisch aufs Schreiben vor –
Wehen, wie man mithält, den Stift in der Brandung
etwas herausgibt, von sich, sich verausgabt, aufbaut
draußen, Buhnen – Buden, langgezogen, Landzungen: was
ich zu sagen habe. die Festungen, gegen das Kreischen
der Gischt, mein Haus und mein Hausen, gegen das Hauen
schaukelnder Zähne, vor und zurück, wollen krallen
und fortragen, mich, mit dem Wind. ich aber sende weiter
an den Sand, dass ich gedenke, standzuhalten, Theodor
Storm. mir was einfallen lasse, zum Schutz des Deichs
wie ein Graf, Greif keine Reihe, einzige fallen lasse.

Lege den Finger in den Sand, eine gebleckte Wunde
beschrifte mit einem Etikett, bescheide, halte mich kurz als
ginge es hier um ein Einmachglas, könnte ich den Schmerz
ins Regal stellen, zu den anderen Gurken, oder wie ein Embryo
fruchten lassen und heraus, ein Wunder, groß geworden, längst.

Da kniet sich jemand neben, zu mir, wie zu einem Kind, das
sich in seine Sandburg versenkt. dieser jemand probiert, was
ich mit Hilfe des Mittel-Meers hingeschrieben, wo niemand
damit rechnet, nichts dafür spricht.
kniet und nickt, und die Entzündung klingt, der Eiter fließt ab
und die nächste Welle vernäht die Wunde. in umgekehrt. reißt
den Schnitt, Schriftzug, Schiffskörper auf, flutet dann den Sand
löst meinen Schmerz wie einen Flecken aus einem weißen Kleid:
schon ist er nirgendwo mehr zu sehen –

Doch rächt sich mein Herz: mit dem Krächzen, der Erinnerung
eines Archivars behält es die Etiketten vom Strand, Wassersiegel.
schlägt sie mir auf und vor, dreimal täglich, wie die Gezeiten des
Gebets, dieser Steigerung: Schacharit, Mincha und Maariv – und
so dringlich, in die Stirn, wie das Schma Jisrael.

… und hier ist eine ganze Stadt auf Sand gebaut und all die vielen
Fenster, erleuchtet in der Nacht, scheinen wie geöffnete Wunden
und ich hänge ungesehen meine Etiketten, besagten, darin auf
Girlanden – sie sprechen mich aus, ich gondele durch die Luft
und mache hören, mich, Wind in den Segeln: de – he, he – de …

Tel Aviv, 28.11.19 / Köln, 17.1.20

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