Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Bruderschaft der Angst

Dort wo die Spinnen
einen Kongreß abhielten:
eine Verschwörung toter Winkel
ein Dachbodenkonzil

Es gab keine Zeugen
(nur mich
und den Mond)

Eine ausrangierte Mausefalle
hinkte die Treppe hinab
…offen das Maul
aus Spirale und Klappe

Es gab keine Zeugen
(selbst der Mond
zog sich zurück)

Die Standuhr
unbewegt ihr Pendel
war ein aufrecht
stehender Sarg

   Es gab keine Zeugen
(auch ich
schlief ein)

Das Haus war fest
im Fundament seiner
Zerbrechlichkeit
verankert

Aus: Brieftauben im Internet, Fixpoetry Leseheft Nr. 18 (vergriffen)

Editorische Notiz

Hans-Jürgen Heise ist ein Lyriker, dem auch im Alter die Tinte nicht trocken geworden ist. Das beweist dieser neue Gedichtband, den er zu seinem 80. Geburtstag vorlegt.

Neben Zugriffen auf Tagtägliches stehen Texte, die die großen Fragen und letzten Dinge behandeln. Dem Autor geht es nach wie vor darum, „schreibend Intuitionen freizusetzen und die Grauzonen des denaturierten heutigen Lebens mit Einzelheiten und Sauerstoff anzureichern“. Zugleich affiziert ihn die Entzauberung der Welt durch Wissenschaften und Kommerz.

Heise, nie im Dienst linker oder rechter Blattvergolder tätig, bewegt sich auf dem Level der Moderne. „Dieser Dichter“, hat Rafael Sevilla gesagt, „ist in doppelter Hinsicht unterwegs: Er bereist andere Länder, aber auch andere Zeiten und immer neue Gefühlsgegenden. Die Lebensumstände seiner Kindheit werden ihm zu Gradmes-sern für zivilisatorische und kulturelle Veränderungen.“

Hans-Jürgen Heise starb 83-jährig im November 2013 in Kiel.

 

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