Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Das Programm

Jeden Morgen dieser Mann, der seinen dunkelblauen Golf
auf dem Seitenstreifen unserer Straße parkt, gekonnt die Lücke
zwischen anderen Autos füllt, dann aussteigt und die Tür
sanft schließt, sekundenlang hineinspäht ins Fenster auf
der Fahrerseite, bis zehn zähln seine Finger, dann geht es
weiter hin zum Heck, auch dort der Blick durchs Fenster
zehn Sekunden lang, ein Takt, der ebenso gehalten wird, als
er hinüber wechselt zur anderen Vordertür. Dann folgt die nächste
Runde: Türgriff kontrolliern, je sechs Mal drücken auf Fahrer-, Heck-,
Beifahrerseite. Erst dann, dann darf er wirklich los. Mit seinem
Baseballcap sowie der Umhangtasche mit Reklameaufdruck
geht er zur Arbeit wie ein Junge, der zur Schule läuft. Drei Mal
dreht er sich noch um zu seinem Golf, genau drei Mal. Nicht
auszudenken, was passierte, wenn nur ein wenig anders wär bei
seiner Rückkehr. Bemerkenswerter nur: Der Zwang, ihm jeden
Morgen dabei zuzusehen, wie er sein Programm durchläuft.

Aus: In diesen leuchtenden Bernsteinmomenten, Pendragon Verlag 2017

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