Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Auszug aus: postmuseale orte

gedichte und fußnoten

 

lesereisegedicht

allmählich wird der zug um einen winkelgrad
über die erdkruste geschoben, die wiener null (6)
erreicht, wie man launen aussitzt: die hochs
und tiefs (7) einer reise.
                                   der text ist nackt, wie
gutenberg ihn schuf. ich sitze da in der vitrine,
lese, ein fehlender punkt brennt ein loch quer
durchs buch, doch nur im tunnel das gefühl,
jemand schaue herein: publikum außerhalb
des lichtkegels, die lauschenden schatten noch
am runden portal. unter freiem himmel bloß
desinteressierte landschaft, die nichts mit mir
zu tun hat, die wiesen, äcker und feldgehölze
mit einer nutzungsgeschichte, in der kein ich
vorkommt. nicht der rede wert sein, froh über
die unzuständigkeit. aber den jogger beneiden
um den boden unterm fuß.
                                            zeitverschoben
kommt deine nachricht, ich höre sie ab, bevor
du sie gesprochen hast: »ruf mich zurück.«
inzwischen schlafe ich, erwache dann, als
jemand sagt: »mache jetzt ein nickerchen.«

graz – wien, 03. märz 2015

 

6 natürlich verwenden die geodäten in wien bis heute / ihr eigenes kaiserlich-königliches höhenbezugssystem, / das auf dem donaukanalpegel schwedenbrücke beruht. / die knoten des städtischen höhennetzes finden sich / aufgelistet in der bislang neunten auflage des wiener / höhenfestpunktverzeichnisses
7 tatsächlich stellt der tiefpunkt sich erst am ziel ein, / unterwegs ist alles relativ erhaben wie immer vor / der lesung. so wie der semmering, den die bahn / mit einem zeitverlust überklettert, der schon bald / der vergangenheit angehört: man arbeitet daran, / gräbt sich bereits durch den berg.

 

Aus: Feldkircher Lyrikpreis 2015 // Lyrik der Gegenwart | Band 52 // Erika Kronabitter (Hg.) Edition Art Science

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