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Transit

Er betritt das Terminal an einem Nachmittag. Dünner Stoff klebt zwischen heißer Haut und blauen Plastikstühlen. Unmodern. Durch eine Glaswand hinter ihm sieht er eine Welt aus Business und Sehnsüchten. In einem Luftzug treibt eine Plastiktüte, im Nichts verortet, ins Leere greifend wie er. Die automatischen Türen öffnen sich nicht, und die Tüte bleibt an das Glas gedrückt hängen, während sich draußen ein Flugzeug gen Süden richtet.

Er wartet auf den nächsten Luftzug, den Pappbecher mit kaltem Wasser an den Kopf gedrückt und erwacht aus einem kurzen Schlaf, als ihm das Wasser über das Hemd läuft. Ihm gegenüber sitzt ein schmaler Junge, der ihn anschaut. Ein aufgeschlagenes Knie schaut unter den Cargoshorts hervor, er sitzt auf seinen Händen und schaukelt mit den Beinen.

Im Waschraum betrachtet er den Abdruck des Pappbechers in seinem Gesicht und zieht ein frisches Shirt an. Als er wieder in den Gang tritt, trifft er auf erstaunlich wenig Menschen. Ein leiser Schrei ertönt hinter ihm, seltsam klingend, eher wie von einem Tier, aber er sieht keins, als er sich umsieht.

Der Junge hockt noch immer da, zufrieden isst er Pommes Frites, die Beine hat er untergeschlagen zum Schneidersitz. Ohne zu zögern bietet er eine Pommes Frites an. „Wollen Sie eine? Sind die dicken, die sind besser als die dünnen“. Gemeinsam sehen sie durch das Glas hinaus in die Hitze auf dem Rollfeld. Als eine Durchsage ertönt, steht der Junge auf, die Türen öffnen sich, eine Flugbegleiterin erscheint und nimmt den Jungen mit. „Ist nicht mehr weit“, sagt der zum Abschied und lässt ein paar Pommes Frites übrig. Die Türen schließen sich, die Plastiktüte hat es nicht hinaus geschafft.

Es wird dunkel in der Welt, während im Terminal und auf der Landebahn die Lichter angehen. Wieder hört er den Schrei, und ein Gefühl schleicht sich an ihn heran, das er nicht erkennen will. Also steht er auf und verlässt den Wartebereich.

An einem Tresen setzt er sich neben einen Mann. Berufsreisender, Hemd aus der Hose gezogen, Krawatte gelockert, als wäre er Zuhause. Sie trinken Kaffee. „Wir werden Pech haben, ich sag es Ihnen, wir bleiben ein paar Stunden hier“, sagt der Mann und schwitzt. Draußen ist ein Wind aufgezogen, stark, heiß und plötzlich. „Das ist normal um die Jahreszeit hier. Wohin wollen Sie? Heimweg? Netter Junge eben. Diese Kinder, die immer alleine hin und her fliegen. Ich hab da Glück, seit 14 Jahren verheiratet und läuft immer noch gut. Und Sie? Kein Ring? Sie sind doch in einem guten Alter. Naja, ich geh mich mal frisch machen.“

Eine Durchsage ertönt, sein Flug wird nicht pünktlich starten. Er ist müde, will schlafen und geht zurück durch die Schiebetüren. Die Pommes Frites liegen noch da, wo der Junge sie hingelegt hat, er kann sie riechen und schließt die Augen. Jemand ruft seinen Namen. Er läuft ins Haus und sieht seine Mutter in der Küche stehen. Das schöne Kleid hat er noch nie an ihr gesehen und sie trägt Schuhe mit hohen Absätzen. Sie hält ihm die selbstgemachten Pommes Frites in einer Schüssel entgegen. „Und nun geh raus“, sagt sie, ruhig und irgendwie tiefer als sonst. Er hört den Pfau schreien, der wie immer oben auf der Mauer des Nachbarn hockt. „Lass ihn fliegen“, sagt seine Mutter und er rennt den Hügel hinunter.

Das Tier schaut ihn an, als er eine der Pommes Frites in die Luft hält, unten auf der Wiese stehend. Er weiß, er wird es irgendwann schaffen. Mit Pommes Frites hat er es noch nie versucht. Er hält sie weiter in die Höhe und hört den Schrei des Pfaus über dem Motorengeräusch eines Autos. Sein Vater kommt den Hügel hinauf gefahren, parkt vor dem Haus und steigt aus. Groß und kantig füllt der Körper den Blaumann aus, das Shirt klebt verschwitzt an der Haut. Die Welt wird ein enger Raum ganz aus Glas, das die Geräusche des Vaters und auch der Mutter erstickt. Das Glas beschützt ihn, wenn es ihn unter sich einschließt. Plötzlich kommt der Vater aus dem Haus gerannt. Der Pfau schreit. Eine neue Pommes Frites muss her, er konzentriert sich und in Gedanken spricht er mit dem Tier. Flieg, sagt er, flieg. Immer wieder und wieder.

Eine Nachbarin steht vor ihm und erklärt, dass sie ihn fortbringen werde zu einer Tante. Sie gehen den Hügel hinauf zum Haus und er sieht den Vater dort sitzen, dreckig wie immer, mit diesem Sturm in sich, der immer in ihm wütet und nur schwer zurück gehalten werden kann. Er will zu seiner Mutter und die Nachbarin kann ihn nicht rechtzeitig festhalten, so dass er den Körper der Mutter in der Küche hängen sieht. Einer ihrer Schuhe ist von ihrem Fuß gerutscht und liegt unter ihr auf dem Boden.

Er schreckt hoch und sieht den Mann vom Tresen vor ihm stehen, einen Kaffeebecher in der Hand. „Wollte Sie nicht erschrecken, dachte mir, der Kaffee könnte ihnen gut tun. Bald geht es weiter“, sagt er und setzt sich neben ihn. „Ist nicht so viel los, obwohl Urlaubszeit ist. Fahren Sie in den Urlaub?“

„Ich habe meinen Vater beerdigt“, antwortete er.

Der Mann wünscht ihm eine gute Reise und verschwindet. Ruhe bleibt zurück und er versucht nicht, den Traum loszuwerden, sondern bleibt in ihm, schließt die Augen und riecht die Pommes Frites. Dann, nachdem er immer ruhiger geworden ist, sieht er sich selbst, wie er aus dem geöffneten Fenster des Autos zurückschaut auf die Mauer, auf der der Pfau sitzt. „Flieg“, sagt er, „flieg endlich.“

Er kann den Wind spüren, der durch das Federkleid weht, als der Pfau endlich seine Flügel ausbreitet.  

 

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