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Text des Tages

Auszug aus: Durchs Unterholz

Tagelang haben sie niemanden getroffen, keine Menschenseele. Sie hatten bloß einander und ihren Blick auf den Wald: endlose Bäume, strauchelnde Farne und Bäche, kleine und größere Tiere, die durchs Unterholz huschten, und einen Boden, der mal beige- trocken und staubig, mal kaffeebraun- feucht und matschig, aber stets unberechenbar war.

Selten nur erhaschten sie einen Blick auf den Himmel zwischen den hohen, dichten Bäumen, und wenn, war er ebenso wechselhaft wie der Untergrund: mal hellblau strahlend, mal grau-weiß gefleckt oder dunkel drohend,  nachts stockend tiefschwarz, mitunter mit glimmenden Punkten. Sie hatten sich davongestohlen, um noch ein letztes Mal beieinander zu sein. Wochenlang nur sie beide, mit ihren Rucksäcken in der tiefsten Taiga: Pit und Lara, Lara und Pit.

Weit weg von Laras Verlobtem Helm, weit weg von der Geheimhaltung ihrer Anziehung, die Pit nicht für Lara empfinden durfte und Lara nicht für Pit, weit weg von einem Leben, das sie daran hinderte, ein Leben mit- einander zu führen. Schwer bepackt fanden sie sich jetzt durch tiefgrüne Tannenwälder wandernd, einen müden Fuß vor den anderen setzend, essend, trinkend, schweigend. Ab und an über ein Eichhörnchen lachend, wie es mit Beute bepackt versuchte, auf einen Baum zu klettern. Still stehend und lauschend, als ein vermeintliches Wild- schwein ein paar Meter entfernt im Gehölz zu hören war. Pit oftmals singend, Lara seufzend, manchmal über Stunden. Und immer wieder: Zelt aufbauen, Zähne putzen, schlafen in feuchtkalter Luft, frieren im Schlaf ohne Traum, früh erwachen auf dem unebenen Waldboden der Taiga. Dann: alles zusammenpacken, wieder los, neben- einanderher, nur sie beide, Pit und Lara, Lara und Pit.

Als sie gestartet waren, hatten sie gedacht, ihre Leidenschaft füreinander wäre in Freiheit nicht zu bändigen. Hatten angenommen, zu zweit in einem düsteren, feuchten Waldgebiet würden sie unmittelbar übereinander herfallen. Waren sich sicher gewesen, das Damoklesschwert, das über ihrer Zweisamkeit ruhte, würde sie zu so viel Nähe veranlassen, dass sie danach nie wieder davon würden kosten wollen.

Sie hatten sich geirrt. Ihre vorherige Erregung schien jetzt schon so weit weg wie die über ihnen thronenden Baumkronen, über sie her fielen nur nachts ein paar Mücken, und Nähe entstand ausschließlich dann, wenn sie im Zelt aus Versehen ihre Rollen tauschten und Pit morgens das Zelt öffnen wollte, was eigentlich Laras Aufgabe war. Ihr Plan vom letzten Auskosten des Verbotenen, dessen, was Helm nicht wissen, Lara und Pit nicht leben durften, war so dahin wie inzwischen die Sauberkeit ihrer Wanderschuhe. Auch sprachen sie nicht viel, stellten sich keine komplizierten Welt-aus-den-Angeln-hebenden Fragen mehr und ließen die Diskussionen um die Beschaffenheit der Menschheit sein, als wäre das alles in einem Wald nicht mehr von Belang. Manchmal fragte sich Lara, was Pit eigentlich von Helm unterschied, der selbst gar keine Fragen stellte, weil er ohnehin nur aus einfachen  Antworten bestand.

Fortwährend gingen sie einfach nur voran, Schritt für Schritt durchs Dunkelgrün, in unnachgiebiger Regelmäßigkeit bis zu dieser Straße, die sich durch den Wald zog wie eine Narbe aus grobem Asphalt. Dort angekommen, sahen sie sich verwundert an und blieben am Straßenrand stehen, wartend, als müsse an dieser Stelle gleich jemand kommen, ein schweißgebadeter Busfahrer vielleicht oder ein in die Jahre gekommener Krankenwagen, eine Mutter mit zwei quengelnden Vorschulkindern oder ein sadistischer Kammerjäger. Sie warteten in stillem Einvernehmen, als wären sie seltsam gewiss, das Warten würde sich lohnen, die eine oder andere Vorahnung würde sich schon bestätigen.

Sie schlugen ihr Zelt mit Blick zur Straße auf. Fast eine Woche verging, ohne dass irgendetwas geschah oder sie ihr kleines Camp um mehr als ein paar Meter verlassen mussten. Gleich nebenan fand sich ein Bach mit kaltem Trinkwasser, und sie hatten Vorräte für wenigstens noch zwei Wochen. Einmal überquerte ein Reh am frühen Morgen scheu den Asphalt, und in einer abendlichen Dämmerung lief eine kleine Wildschweinkolonne über die unbefahrene Straße.

Aber Menschen kamen keine, und kein brummender Wagen rollte heran. Da waren nur diese große Stille und der Himmel über ihnen, ungewohnt dauerhaft sichtbar über dieser offenen Schneise, die die Straßenbauer geschlagen hatten.

Nach einer Woche wurde es Lara zu bunt. Ihrem blassroten Mund entfuhr ein kleiner Fluch und ein: »Es wird keiner mehr kommen!«

 

 

Aus: Ziegel 15 ·  Hamburger Jahrbuch für Literatur 2017 · herausgegeben von Jürgen Abel · Antje Flemming ·Wolfgang Schömel · Dölling und Galitz Verlag Juni 2017

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