Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Leipziger Sonette

1
Du schwarzer Fleck von Stadt, leg deine Hand
Mit rußgestäubter Lust in meinen Rücken.
Ein Atmen ist dein Gehsteig, ein Entzücken
Das Häusermeer, ein fließend schwarzes Land.

Im Tagebau hat Schnee ein Grab bereitet.
Die Kohle ist ein Bett aus weißen Kissen.
Hoch bläst der Rauch. Ich werde nichts vermissen.
Du hast mein Herz zu einem Schlot geweitet.

Das Kraut schießt aus den asphaltierten Böden
Und Krähen hüpfen zwischen Tonnen sacht.
Sie machen Tage zum Geschrei der Nacht.

So will ich dich als Totenbett erwählen.
Bist nicht als Gruft der Lebenden gedacht,
Ich habe oft den Tod hier ausgelacht.

2
Ich sah das Licht durch Ruß und starken Regen.
Du gibst mit deinem Firnis helle Freuden.
Wir können unser Leben hier vergeuden
Und müssen uns nicht falschen Anstrich geben.

Ein Riss durchtrennt mein Herz, es ist das Pochen
Von Blut in deinem Mund, in deinen Lenden.
Wie oft kamst du mit mir die Nacht beenden,
Und hast dann nur das Nötigste gesprochen.

Du warst von brauner, auch von weißer Haut,
Arabisch war dein Kuss, ein Kohlehauch.
Ich kam zuerst, und oft kamst du dann auch.

Ich sah dich nicht mehr wieder, und die Stadt
Schob dir im Schoß ein neues Pochen zu.
Ich kam woanders, und dort kamst auch du.

3
Ich zeugte Leben in den Rußpalästen
Und fuhr der Wölbung eines Rückens nach.
Du sahst mich an, als ich von Liebe sprach.
Ich lag im Schlaf, du nahmst von meinen Resten.

Erst trug die Stadt mir einen Rußfilm auf;
Sie ließ mich seufzen, ausgestreckt umarmen.
Dann griff ich zu mit Kälte und Erbarmen.
Ich schob Figuren in den hellen Lauf.

Oft griff ich dann in weit gespreizte Hüften.
Der Sturm war hier ein Lied, das leise bläst.
Ich kenne keine Stadt, die so verwest.

Das Blei der Städte ist der tote Himmel.
Er wölbt sich über dir, doch ohne Trauer.
Die Kohle zeugt blutrot und manchmal blauer.

4
Ich gehe in den Norden. Ohne Kummer
Fliegt Kohleduft in meine weiten Lungen.
Bald rede ich erneut mit platten Zungen,
Und irgendwann holt mich der lange Schlummer.

Ich will dann in dem Loch begraben sein,
Das Schaufelheben für die Kohle machte.
Wo ich das Leben schwarz und groß belachte,
Da soll mein weißer Totenrock gedeihen.

Schmeckst du sie jetzt, die Lenden und die Münder,
Die meinen Saum hier streiften? All die Lust?
Sie hat so oft nicht um ihr Glück gewusst.

Die Lust war in dem Park, da wir uns liebten.
Du zogst mich tief an dein Geschlecht heran,
Und sagtest: Komm. Komm. Noch ein Stück heran!

5
Ich spucke auf die Orte meiner Ahnen,
Wo man den Dünkel ewig groß gezogen.
Die Lenden sind reinweiß, der Mund verlogen,
Und so verstreut man sich auf weiten Bahnen.

Ich kam und sah das Kohleloch im Osten,
Das abgebaut war und doch angefüllt
Mit einem Pochen, das den Schoß enthüllt.
Du fragtest mich nicht nach den Lebenskosten.

Ich küsste dich in meiner ersten Nacht,
Ging weiter und kam schwarz beglückt ins Schlendern.
Da wusste ich: Du kannst die Welt verändern!

Die Erde, die auf einer Wiese lag,
Nahm ich als einen rußbestäubten Schoß.
Ich war in deinen Schenkeln schwerelos.

Trailer LEIPZIGNOIR 1914 (1 Text | 4 Live Hörspiele)
SWR 2 03.02.2015 | 23.03 Uhr | Das Leipzig Hörspiel

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