Text des Tages

32.
Fangen Sie heute ein neues Leben an, hat er mit Filzstift auf den Spiegel geschrieben. Er hat es aus einem Film oder einem Buch, so genau kann er sich nicht erinnern. Er findet es ganz witzig. Er bewohnt acht Quadratmeter in einem Studentenwohnheim, das aussieht wie ein Getreidesilo. Bleiben wollen, ist ein Gefühl, das er sich seit langem wünscht. Nichts lädt ihn ein zu bleiben. So ist der Spruch wohl eher eine Zustandsbeschreibung als eine Maxime. Fangen Sie heute ein neues Leben an. Er nimmt es als Bestätigung. Permanente Ausweglosigkeit, nichts weiter, denkt er. Verantwortung fällt ihm noch ein. Ihm ist schlecht. Was soll er verantworten? Er hat seinen Rucksack ausgepackt, diesmal. Ein Indiz für dieses ‚Bleiben wollen‘. Doch auch seine Sachen im Normschrank vermitteln das Gefühl des Provisoriums. Er versucht die Gründe zu sammeln, die ihn zum Bleiben ermuntern könnten. Die Banalitäten, die ihm einfallen, hält er nicht für seine Überlegungen. Er verwirft das Projekt und versucht, an nichts zu denken. Bleiben wollen, abstrakt. Die Gedanken kommen, das Gefühl, das er sucht, kommt nicht. Er weiß nicht einmal, ob er es kennt, dieses Gefühl. Er versucht, sich zu erinnern. Er denkt sich Situationen aus, die er erlebt zu haben glaubt. Er weiß, dass es formal diese Situationen gab. Das gesuchte Gefühl versucht er zu projizieren. Es stimmt nicht. Er setzt sich auf das Bett. Er bezeichnet es nicht als sein Bett. Es ist geborgt, wie das Zimmer. Die Hauptmieterin hat ihre Poster hängen lassen. Er nimmt sie nicht ab. Die Poster hängen schief. Er findet das so originell wie die Losungen zum ersten Mai in der DDR. Von einem Bild hat sich eine Ecke gelöst. Er befestigt sie vorsichtig. Fangen Sie heute ein neues Leben an, hat er mit Filzstift auf den Spiegel geschrieben.

Aus: Überschreibungen, Gedichte, Jan Kuhlbrodt + Martin Piekar, Reihe Edition Binaer, Verlagshaus Berlin 2016

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