Text des Tages

Istanbul, Sonntag

Die Möwen lassen sich nicht kirre machen,
wenn die Sonne in tausend Scherben bricht.
Was uns blendet, durchstoßen sie
im entscheidenden Moment.
Wir können ihnen vom Boot aus zusehen,
zwischen den Ufern, den Hügeln,
deren Minarette im Mittag verglühn.
Oder wir ziehen den kürzeren,
wie auf der Brücke die Angler,
mit den kleinen Fischen im Eimer, matt
schillernd wie Messing, das Wechselgeld im Basar.
Und selbst wenn der Himmel von Suren vibriert,
bleiben die Straßen, die sich erst zur Nacht
wieder füllen, leer, ein Warten, ohne
dass jemand erscheint: man glaubt
an den eigenen Schweiß,
wenn es der Tag gut meint, vielleicht
an geröstete Kastanien und Mais, der
über Holzkohlen schwelt.
Ist dies die Lektion des türkischen Mittags?
Wer immer hier geht, unter den Vielen,
den Fremden, die es zwischen die Kontinente spült,
vergeht, an zuviel Verlangen erstickt
wie an zuviel gleißendem Licht,
wer immer dasitzt und schaut, sparsam den Tee
vor sich im Stundenglas nippt,
findet eine Form und die Farbe dafür:
Weiß, das durch die Strömungen treibt,
braucht nicht zu schwimmen, zu fliegen,
wird selber zum Schiff,
als könnte er sitzend übers Wasser gehen.
Wenn du die Augen aufschlägst, am Anleger,
wartest du, dass die Fähre sich dreht,
der Garçon mit Orangensaft, Ayran, Tee
durch die Reihen geht, damit wir länger
in der Haut bleiben, in der wir stecken
und warten und zusehen, ohne dass etwas geschieht.

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