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Text des Tages

Cynthia

 

Cynthia ist eine römische Dichterin aus dem 1. Jahrhundert v. u. Z., eine Heldin von Elegien von Properz, die nicht nur für ihr Talent, sondern auch für ihren schlechten Charakter berühmt war. Ihre Gedichte sind nicht erhalten, aber ich habe trotzdem versucht, sie ins Russische zu übersetzen. (Jelena Schwarz)

II

Wieder kommt der Vater auf mich einpredigen:
„Man muss nicht so, sondern so leben,“ heißt es.
„Gut,Vater,“ sag ich ihm,
„Das wird nicht wieder vorkommen, Vatilein.“

Sanftmütig schaue ich auf den grauen Kopf,
Auf die krummen Arme, den viel zu roten Mund.
Zu den Sklaven sprech' ich: „Schmeißt ihn,
Den Trottel, schleunigst ins Schwimmbecken.“

Man schleift ihn auf dem Marmorboden,
Er krallt sich fest, aber da ist nichts zum Sich-Festkrallen,
Blut fließt übers Gesicht und Tränen:
„Töchterchen,“ schreit er, „verzeih mir, hab Gnade!“

Nein! Zu Muränenfutter wirst du,
Du heuchlerischer Lüstling.
Oder ich stelle mir vor – wie der Löwe im Circus
Vatis Leber zu Ende kaut.

„Schon gut, schon gut,“ sag ich, „ich werde mich bessern,
Ach du mein armer, alter Vater.“
Als der Tiger sogar den Blutdampf ausgeleckt hatte, –
Tat er mir ein wenig Leid.

In Gedanken richte ich ihn verschiedentlich hin –
Tausend und abertausend Male, –
Um nicht einmal auch tatsächlich,
Mit erhobenem Hammer, – gegen die Schläfe zu schlagen.

Aus: 1. Cynthia-Zyklus erschienen in Schreibheft Nr. 83, übersetzt von Daniel Jurjew

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