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Text des Tages

Cynthia

Cynthia ist eine römische Dichterin aus dem 1. Jahrhundert v. u. Z., eine Heldin von Elegien von Properz, die nicht nur für ihr Talent, sondern auch für ihren schlechten Charakter berühmt war. Ihre Gedichte sind nicht erhalten, aber ich habe trotzdem versucht, sie ins Russische zu übersetzen. (Jelena Schwarz)

V.    AN EINEN JUNGEN DICHTER

Was belästigst du die Muse, Septimus?
Vergebens näselst du, vergebens wedelst du
Mit den Händchen, gibst du den Takt an. Zu Tode
Langweilst du Kalliope, Euterpe. Und Erato
Weiß nicht einmal, wohin sie vor dir fliehen soll.
Lass den Rockzipfel der Muse in Ruhe.
Sonst sieh dich vor – auf einem Platz mit vielen Leuten
Wird eine donnernde Stimme in dich fahren
Und gegen deinen Willen wirst du vor den Leuten sagen:
„Solche wie ich – glückliche Besitzer
Niedlicher, dreister Frätzchen,
Wie sie aufs Forum herdenweise führt
Der lange römische Tag,
Mit Vogelhirn und langer Zunge –
Dürfen nur sterbliche Frauen begehren.
Einmal habe ich von der Muse den Schuh heruntergezogen,
Einmal habe ich ihr den Fußknöchel angekrazt.
Damit der Zorn der Göttin an mir vorbeifliegt –
Bringt schnell Wachstafeln und Griffel,
Ihr guten Leute, vor mir in Sicherheit.“

Aus: 1. Cynthia-Zyklus erschienen in Schreibheft Nr. 83, übersetzt von Daniel Jurjew

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