Fixpoetry

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Text des Tages

DIE GEBURT

Morgen wird es kalt.

Wenn du nicht vorhanden bist, sieht dich keiner. Du läufst auf der Straße durch Laternen, Wände, Autos und Menschen. Tust so, als legst du dich abends ins Bett und stehst morgens wieder auf; schminkst dich, gehst einkaufen und zum Friseur wie alle anderen, existierenden Menschen; nur, dich gibt es nicht. Du grüßt sie und wirst zurückgegrüßt, ihr unterhaltet euch, manchmal streitet ihr euch sogar – diverse Stimmbänder vibrieren feucht aus allen Kehlentiefen und wandeln die gleiche Luft zu verschiedenen Tönen um; von diesen wird am Ende nicht mal ein Widerhall bleiben, noch ein Gedanke werden.

Schwerkraft ist witzig. Gestern Abend während ich im Bett lag, bächerten zwei Tränen zu meinen Ohren hinunter. Ich habe an meine Mutter gedacht; die schleimige Euphorie einer zermalmten Siegerin im ersten und letzten Marathon ihres Lebens, als sie mich vor knapp vier Jahrzehnten auf die Welt gebracht hat.

Fürs Vorstellungsgespräch bereitete ich mich lange und sorgfältig vor. Ich recherchierte, erinnerte mich, übte Entspannung. Die hörten nicht hin; von allem was ich richtig beantwortete oder frei und selbstbewusst erzählte, nahmen sie null wahr. Sie drehten sich nicht um. Bei näherem Nachdenken glaube ich, die haben mich gar nicht gesehen. Sie ließen mich nur rein und raus, wie eine Luftschicht. Die Stelle habe ich bekommen und arbeite schon seit sieben Jahren. Gleiche Tür saugt mich frühmorgens frisch ein und spuckt nach neun oder zehn Stunden die unverdauten Überreste von mir wieder raus.

Der Mann, den ich vor zwei Abenden geliebt hatte, sah mein Kleid nicht. Den Duft meines Parfums spürte er auch nicht. Er nahm keine Wärme meiner Haut wahr, noch schmolz er unter meinen Berührungen dahin. Gestern klingelte mein Handy an der Arbeit: er erzählte drauf los wie wundervoll ich bin, wie sehr er mich liebt und dass der vergangene Abend mit mir zauberhaft war. Ich weiß nicht wer die Frau ist, die er anspricht.

Wenn man das Wort „Kaff“ ausspricht, das erste was die meisten Menschen vor Augen haben, ist das Bild eines kleinen, verschollenen Ortes mitten im Nirgendwo; aber, nein. Die schrecklichsten Käffer findet man in jenen souveränen, stark vernetzten und von Menschen und Fahrzeugen überfüllten Gebieten, laut und in permanentem Ereignisfieber – nur Leben kann nirgends gefunden werden. Du, auch nicht.

Ich kauerte mich am Bettrand in Fötusstellung zusammen. Alle sind draußen. Kollegen, die ich nicht kenne, Nachbarn, die ich nicht kenne, du, den ich nicht kenne. Und diese Frau, die nicht vorhanden ist und hätte ich sein sollen, ist irgendwo draußen. Sie tanzt auf dem Tresen, hat Sex oder hält einen Vortrag. Sie ist hübsch und heiter, feuchtlippig und anmutig. Im sich ewig bewegenden Bild, ist sie da; umzingelt von Fans, Objektiven, neugierigen Studentenaugen.

Ich ruhe in der wohligen Wärme meines Unterleibs, wartend; horche auf den leisen Puls mitten auf der Bauchwand. Jeden Augenblick wird er stärker… und wieder stärker werden. Dann blüht es, endlich, zäh empor.

Morgen wird es kalt.

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