Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Svalbard Global Seed Vault
Spitzbergen (-18 °C konstant)

 

Wir geleiten die Sicherheitskopien über schwankende
Brücken durchs Eis, flankiert von sich wiegenden Schemen.

Drei Räume im Permafrost. Einer für uns, einer fürs Pack,
einer für die Kälte. Hier gibt es mehr Bären als Menschen,

das Warten hat Gebirge vor uns aufgetürmt. Wir treiben
unsere Stollen in die geschichtete Zeit, einen Tresor für

uns alle. An die Wange des Berges geschmiegt, selbst
wenn alles schmilzt, der Kopf bleibt über Wasser, ewig.

Fünf Türen, ein menschliches Gesicht, hinter jeder Zarge
wartet ein tieferer Winter. Wir verlangen keinen Eintritt.

Weizen, Hopfen, Mais, Reis, Bananen, Maniok, Kokos, Linsen,
Bohnen, Kartoffeln. 21 Sorten, kein Coca Cola, kein Sperma.

Hier ist alles gleich: Temperatur, Behälter, Beschriftungen,
Kontinente. Nur nicht das Korn. Saat und Erde schließen

ihre eigenen Verträge. Versiegelte Hüllen voller Hoffnung,
die wir nicht öffnen können. Wir passieren Sicherheitsspaliere

mit erhobenen Barcodes. In Röhrchen, Aluminiumbeuteln:
Zimbabwe, Mexiko, Brasilien, Indien, Aserbaidschan. 2015:

Syrische Samen entnommen, zurück nach Aleppo. Lücke
in Regal Nummer 8. Niemand kennt den Inhalt. Sie haben

alle unterschrieben. Nordkoreas Boxen: exakt auf Maß
gefertigt. Rot, mit weißer Schablonenschrift. Andere

sind durchsichtig, opakes Plastik in Exoskeletten. Das ist alles,
was wir haben. Für den Eintritt des Worst Case Szenarios

montieren wir Flora und Fauna aus Sonnenlicht und Wasser.
Dies ist kein Bunker: Kein Stuhl, kein Bett. Raureif, die kalte

Schwester des Schimmels, überzieht den Weg in den Permafrost:
Wenn Schlammschildkröten tauchen, dann atmen sie im Inneren

ihrer Panzer, organische Zeitkapsel. Irgendwann müssen sie
auftauchen, irgendwann werden sie auftauen, für uns

oder für immer.

 

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