Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

als Amerika noch zivilisiert war

I.

(Balduin Möllhausen an Johann Georg Kohl)

prächtig blendende Zickzacklinien vor Wolken-
schwärze, eine fuhr in den Leib des Hickorybaums,
spaltete ihn wie eine Sense vom Wipfel bis zur Wurzel,

die schweren Tropfen prasselten lauter als der Donner
von den Blättern, brachen die durchbrechende
Abendsonne und vermillionenfachten sie.

auf der Prärie versammelten sich die Indianer,
hinter den nackten Spielern, phantastisch bemalt,
glänzend bunt, wehte ein Schweif aus Pferdehaaren.

Trommeln in der Dämmerung, Wolfsgeheul,
Klappern von Stöcken, Tanz und Tabackswolken
aus langen Pfeifen, die zum Großen Geist aufsteigen

bis in den Morgen, wenn der Ball hochschießt,
die Meuten der gegnerischen Parteien drein-
jagen. ihr großes Geschick, im Ring an Stangen

den Ball zu fangen, daß er nicht durchfällt,
und ihn fliegen zu lassen, adlerschnell,
hundert Mal hin und her, ein Spiel, das alt ist

und die Alten belebt, als ging es wieder um alles.

 

II.

(Johann Georg Kohl an Balduin Möllhausen)

über Holper-, Knorren- und Wurzelwege,
wo feiste Distelköniginnen das Szepter hielten,
und nach elektrisch hellen Schlägen am Reihersee

ein heiterer und ungewöhnlich friedlicher Abend,
das weißhäutige baumzerstörende Insekt hatte
erst wenige Kahlstellen in die Ahornwälder genagt,

da hörte man schon vom Hügel aus
die Trommel, ihren schläfernden Rhythmus,
Weisung für ein Herz, wenns aus dem Takt gerät.

ich zwängte mich durchs Kriechloch des Zeltes.
Düsternis, ein paar Flammen, Rauch, Trommellärm.
Hände drückten mich von hinten aufs Knie.

saß also still, sah dem Tanz zweier nackter Männer zu.
sah rasselnde Kalebassen, den Körperschmuck,
die knochige, eingefallene Brust des Alten,

auf dem verborgenen Pfad zwischen
Leichnam und Atemfülle umherstrauchelnd.
die Leidenschaften nun greifbar, die Wolfslaute,

die Wände des Zeltes verschwanden,
die Grenze zur Prärie existierte nicht mehr,
Adler und Kojote kamen zu Besuch, Wolf und Bär

rissen am reglosen Körper unten auf dem Boden.
die Tänzer wirbelten durch das enge Zelt,  
die Sternbahnen standen ihnen zur Verfügung.

ihre Haare Krähenflug, ihre schwitzenden Gesichter
Taufunken. als sie den Alten ausgesogen hatten,
sprangen sie auf die andere Seite des Zelts

und würgten die Krankheit aus, damit sie wieder
in die Erde eingeht. das Trommeln hörte auf.
der Alte erhob sich nun, er wußte, es

gibt kein Heilmittel, bloß eine Gnadenfrist.

 

aus: Jürgen Brôcan, »Ritzelwellen«, Aphaia Verlag, München 2020.

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