Text des Tages

die dinge

sehen als eine form von sein: welt ist genug,
nur die sinne reichen oft nicht, der rundumblick
von libelle und hammerhai wäre nützlich,

sich landschaften ins gehirn zu baggern, auch
skulpturen im uv-spektrum zu sehen oder
die ultraschallsymphonien in fledermaushöhlen

zu hören: oder zu fliegen wie luftgötter, gekrault
von schroffen, gekitzelt von tann und kraut,
blaue wolkeneuter streicheln einem den rücken

und der penis schlenkert in höhlen unbekannter
tiefe: sehen ist die frühe liebe zur gewaltigkeit
der dinge: was ist, das ist: die dinge sind weder

moralisch noch amoralisch, sie sind nicht-
menschlich, nicht unmenschlich: seltsames im
übermaß ist der nährstoff von nachrichten und

blogs, seltsameres liegt auf dem küchentisch,
in der schüssel, im wald: wenn haareis aus den
poren des totholzes wächst, tümpel den rand

der autobahn pizzikieren: was da ist, hat form:
im schachtelhalm antike säulen zu sehen,
im kastaniensproß totembäume, im tüpfelfarn

den sich auffaltenden körper einer tänzerin
oder im salbeistengel ein dornenszepter,
beweist die verbundenheit der dinge,

sobald sie durch unsere imagination fließen:
imagination ist der klebstoff zwischen den dingen,
und in abwesenheit des schöpfers, ab-

wesenheit auch des betrachters, sind die dinge
sich selber überlassen: die leere chaussee,
die schlotenden essen, laterne oder herbst-

baum am stadtrand, als habe man die dinge
freigegeben, die basaltkanten, die steinbrüche,
die holzstapel in einem fabrikhof, damit

sie sich für einen kurzen augenblick auffalten,
ihre ähnlichkeiten freigeben, die gemachte
und nicht gemachte dinge miteinander

teilen. du kannst sagen: ah, die dinge sind
bloß ornament über der tiefe: doch es gibt nichts
darunter. der gedanke ist formbar gewordene

realität. geh näher heran, betrachte sie aus
größerer entfernung, verändere den blickwinkel,
verlängere künstlich die sinne: sehen als —

Erschienen in: Jürgen Brôcan, „Wacholderträume“, Edition Rugerup, Berlin 2018.