Fixpoetry

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Text des Tages

Porträt aus den mittleren Jahren

er habe (so die Überlieferung) gerne und oft
unter den Rosenstöcken gesessen (auch
manchmal nachts beim Hofbräuer),
hauteng vom Volllichtmond überstrahlt,
und habe nur selten,
bis auf die nötigsten Gänge,
sein Haus verlassen, geflohen vor
den Menschen, nicht vor Büchern (obwohl
auch sie voller Widersprüche stecken,
aber nicht dermaßen haßgallig),
und es sollen die Blumen im
schmalen Hausgarten ihm
die schnatterndste Gesellschaft gewesen sein,
und in solcher Ruhe (heißt es) habe er
ein offenes Ohr gehabt für
Umwälzungen und
davon geträumt, daß sich (nicht durch Farbe
und Glauben getrennt) endlich
mit der Menschheit etwas anfangen ließe,
doch bis es soweit ist, mußte
er das Metrum
unerbittlich verfolgen.

Anm.: Vgl. dazu Wilhelm Herbst, Johann Heinrich Voß, Leipzig 1874, Bd. II/1 (Nachdruck: Bern 1970). Das Zitat aus dem Idyll »Luise«: »Aus allen Völkern rauschen dann / Verklärte Millionen, / Die brüderlich gesellt fortan / Den neuen Stern bewohnen!  Durch Farb’ und Glauben nicht getrennt [...]« (Sämtliche Gedichte von Johann Heinrich Voß, Bd. 1, Königberg 1802 [Nachdruck: Bern 1969], S. 56. Außerdem enthalten eine Anspielung auf Hölderlins Zeilen zum Entwurf zu »Heidelberg«: »vertriebenen Wandrer / Der vor Menschen und Büchern floh« (siehe u.a. F.H., Sämtliche Werke, hrsg. von Friedrich Beißner, Stuttgart 1951, Bd. 2.2).

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