Text des Tages

worte, worte, worte

die arten des todes sind viele,    
zuletzt unterscheiden sie sich kaum,    
diese katastrophen und unglücke:    
verdämmern in der eignen pisse,
der sprung von einer brücke,
die bomben im kofferraum
oder ein leben ohne ziele:
zu wenig kitt für all die risse.

jeder sieht zuerst häßliches,
dies- oder jenseits des atlantik.
leichter entfährt kehlen ein fluch,
schwimmen die skandale oben,
als daß morgens kaffeegeruch
mit häuserverbindender semantik
hineinweht in verläßliches.
laß sie grasen, rennen, toben,

worte wie aus einem bestiarium:
einige können eisen verdauen
andere sind lithophagen,
wir schlucken welten, ungeheuer    
neugierig und im vormagen
erinnerungen, die spät abflauen:
nichts geht sofort im blut um,    
worte sind wiederkäuer.

Aus: Jürgen Brôcan, „hymnenrauh“. Oelde und Dortmund (Edition Haus Nottbeck) 2016.