Fixpoetry

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Text des Tages

BEGEGNUNG MIT ALICE DRESNER AUF DEM BEGRÜNTEN TREPPENABSATZ EINES MIETSHAUSES IM LONDONER EASTEND, AUGUST 2015

 

I.

Meine Schulfreundin Eva wohnt im Stadtteil Bethnal Green, ich kam frühmorgens im Flieger aus Poznań in Luton an: es war der schlechteste Sommer seit Jahren, wie ich erfahren sollte. Mit dem Vorortzug nach King's Cross, mit der Tube weiter, bei St. Paul's musste ich umsteigen, und im strömenden Regen wartete sie frühmorgens mit ihrem Rennrad an der Kreuzung Roman Road/Cambridge Heath, gab mir die Schlüssel, fuhr zur Arbeit; ich watete zu ihr, legte mich kurz hin, stand wieder auf. Machte Kaffee. Mein großes, geliebtes Laster trieb mich nach draußen – kein Balkon vorhanden – auf den zum Hof hin offenen Treppenabsatz zwischen den Wohnungen im ersten Stock, wo zu meiner Überraschung zwischen Topfpflanzen, Stauden und Ziersteinen ein geräumiger, frisch geleerter Aschenbecher stand.

Wenige Sekunden, nachdem ich meine Zigarette angezündet hatte, kam mir eine Frau aus der im Dunkel liegenden Stiege gegenüber, in einem verwaschen roten, orange geblümten Frottee-Aufzug entgegen (ich vermute, sie hatte bei angelehnter Wohnungstür auf andere Raucher gelauert).

„Fuckin' weather inni?“

Ihre Stimme war rauh, sie war etwa 50 Jahre alt, hatte hervorquellende, hellgrüne Augen und zerwirbelte, rotbraune Locken.

„Yes, really. Hello. My name is Kai.“

Wir unterhielten uns über das Wetter und wie wunderbar Eva sei, „I'm Linda!“, sie arbeitete direkt gegenüber in der Primary School, wir starrten in den Regen, der Briefträger kam und rannte über den überfluteten, von der Straße abgekapselten Innenhof.

II.

Später sah ich mir die Gegend an. Der Stadtteil war wirklich grün, migrantisch, eher vorstädtisch, von zartem Aufschwung geprägt (Italian Coffee! Vegan Cookies! Pale Ale now! The Nepal Stone House!), geschäftig überfüllt. Ich wusste, dass East London das Ersteinwanderer-Zentrum der Stadt war, hinterm Kanal begannen die wahren Ghettos, die Hochhäuser – Eva hatte von ihrem Büro in Hackney aus den Riots zuschauen können und war Abends nicht nach hause gefahren – ich wusste von der Faszination Engels', der Panik Zweigs, den Zweifeln Ludwig Meidners.

Abends trafen wir uns in ihrer Küche wieder.

„Hast du Linda schon kennengelernt?“

„Ja, heute Nachmittag.“

„Sie ist nett, oder?“

„Sie war mal sehr schön, glaube ich.“

„Ja, ich auch. Weißt du, was komisch ist?“

„Der Bademantel?“

„Ich hab vor ein, zwei Monaten mal auf ihre Katzen aufgepasst; da war sie mit ihrer Tochter im Urlaub. Im Flur hängt zwischen den ganzen Familienfotos direkt in der Mitte ein Judenstern; ich glaub, der ist echt. Ich hab sie aber nicht danach gefragt.“

Vor Abflug um 5:30 hatte ich mich am Posener Hauptbahnhof herumgetrieben, er war menschenleer. Plötzlich tauchte hinter dem Fahrstuhl ein großer, beleibter Chassid mit dichtem Vollbart und Rollkoffer auf, der von zwei schwerbewaffneten und feixenden Ochrana-Beamten in den McDonalds geführt wurde, dem einzigen noch geöffneten Restaurant zu dieser Stunde. Das ist Polen. Lewandowski ist ein jüdischer Name.

III.

Am nächsten Morgen, Eva war früh zur Arbeit gefahren, ihr Mitbewohner stand neben seiner Freundin in der Küche und putzte, ging ich in das günstige „Worker's Cafe“ an der nächsten Kreuzung. Der Laden groß, gut besucht, der Geruch von gebratenem Speck, Kaffee und Orangensaft zog bis auf die Straße. Das Wetter war schlecht, ich fühlte mich miserabel, aber immerhin redeten die Köche Türkisch miteinander.

Ich saß in dem emporenartigen Hinterzimmer des Lokals und las:

Das London, in das ich 1947 einzog, war allerdings grau und vernachlässigt vom Kriege. Mir schien es auch traurig und selbst unwirtlich, doch gerade das zog mich an, die Anonymität der unpersönlichen Weltstadt: ein idealer Ort für mich, der keine Heimatgefühle in mir weckte. Das heißt aber nicht, ich darf es wiederholen, daß ich mich in England heimisch fühle, dazu fehlt in diesem Lande zu vieles von dem, was für mich mit meiner physischen Heimat verbunden bleibt, allerdings vielfach auch dort heute nicht und nirgendwo in der Welt auffindbar wäre, zumindest nicht für meine Person.

Das schrieb der Deutschprager H.G. Adler.

In der Stadt gibt es überhaupt keine Straßenkultur. In der Nähe des Leicester Square stand ich allein rauchend vor einem – zugegeben sehr hübschen – Pub und wurde angeschaut wie Aktionskunst. Abends saßen wir im lauen Abenddämmer mit anderen gutgekleideten Designern (ich nicht) an großen, vollbesetzten Tischen vor einer Kneipe am Eingang zum London Fields Lido, während die Penner in langer Reihe an uns vorbei defilierten und die Kippenstummel aufsammelten.

Halbbetrunken und verwirrt schlief ich ein. Auf Evas Nachttisch liegt „Fleisch und Stein. Der Körper und die Stadt in der westlichen Zivilisation.“

Die Tage in London.

Ich vermisste meine Tochter.

Wind und Wetter wechselhaft. Die Melancholie hält.

Der Gerhard Richter–Raum in der Tate Modern, wo Gerhard Richter hängt, wie man seine Bilder hängen sollte.

Ein dürrer Westfale mit einem Glas Bier an der Themse, der sich über den Lauf der Dinge wundert.

Die Tube schwül, drückend, alle wortlos zusammengeschoben, und auf der Straße dann Gewühl und Hast, Stadtplanfalterei, Banker in Eile.

IV.

Am letzten Abend wollte ich kochen. Ich ging in den Polski sklep an der Cambridge Heath und kaufte Pierogi z kapustą, Pilze, Speck, suchte Sauerrahm und die Zutaten für schlesischen Gurkensalat. Eva hatte ein befreundetes Paar aus Kapstadt eingeladen, selbstredend Arbeitskollegen.

Vorher ging ich auf den begrünten Treppenabsatz. Linda schnupperte herbei, mein letzter Abend in London, jaja, wie schön wär' die Wiederkehr. Eva kam heraus und fragte, ob die Pieroggen auch ins kalte Wasser könnten.

„You cook polish?“

Linda leuchtete auf.

„Yes.“

„Woher kannst du das?“

„Mein Vater ist da geboren, meine Familie kommt daher. Ich hab überlegt, Kreplach zu machen, aber das ist zu aufwendig. Ein jiddisches Gericht, kennst du's?“

„Kommt mit!“

Zu dritt standen wir vor Lindas Familiengalerie; ordentlich gerahmte Portraits, hauptsächlich in Sepia und Schwarzweiß von Paaren, Einzelnen, und ein großes Gruppenbild.

„This is Audrey!“

„This is my mother.“

Von der unglaublich schönen Frau im Brautschleier ausgehend, fing sie an zu berichten.

„Meine Mutter ist noch in Russland geboren. Hier, das ist sie mit ihren Brüdern und den Eltern. Mein Großvater hat nie Englisch gelernt. Da, meine Großmutter, das müsste noch zu hause – at home – sein.“

Die Hepburn-Mutter stach aus dem großen Familienportrait heraus.

„This is Nicholas, this Abram, David, Michael, Stan – his real name was Stan..Stani...“

„Stanisław?“

„Yes, exactly!“

Eva fragte sie dann:

„From where do you have the star?“

„From my uncle Jerry. He fled the camp.“

„Welches?“

„Ich weiß es nicht. Ich habe nicht gefragt.“

V.

Zwischen meiner schönen Schulfreundin und der Namen aufzählenden Linda stehend, vor der sauber ausgeschinttenen, ganz neu aussehenden Perversion des Magen Dawid, plötzlich und deutlich dasselbe Gefühl wie in Buchenwald, diesem gepflegten Schotterplatz mit Blick über wunderbare Landschaft: übrig zu sein, überlebt zu haben; nicht persönlich (ich wurde noch nicht verhaftet, eingesperrt und gefoltert), sondern tatsächlich als Mensch zu erleben, dass es das alles noch gibt: Bücher, sonnenflimmernde Luft, Musik, Braten mit Rotkohl, Sex – ganz anders als das betäubende, hohle Grausen, das mich ein Jahr später in Auschwitz überkam und über das ich nie schreiben werde. Doch an beiden Orten die Gewissheit – wie an der Themse, wie oben, auf dem Hügel, damals mit sechzehn überm Münsterland: ganz klein zu sein, nichts als ein Wegstück des Zeitkreisels, und genau so viel.

„This is Margaret, this is Louis, this is Andrew...“

Die Gäste kamen die Stiege hoch, Lindas Wohnungstür stand die ganze Zeit offen. Wir verabschiedeten uns, ich sagte, ich würde später noch einmal heraus kommen. Beim Essen war ich eher schweigsam, obwohl angetrunken. Allgemeine Anerkennung der unbekannten Speisen. Ich verdrückte mich zum Rauchen. Linda stand mit einer Flasche Weißwein.

„You have to tell me about Poland.“

„Was soll ich sagen. Ich war da ein paar mal, mein Vater hat nie Polnisch mit mir gesprochen; behauptet zumindest, es nicht zu verstehen.“

„Ich erinnere mich: bei uns zuhause wurde jiddisch, polnisch und deutsch gesprochen. Ich habe nichts verstanden. Es wurde viel Musik gehört, alte Musik, von früher.“

„Wo kamen deine Eltern denn genau her?“

„Ich weiß es nicht; vielleicht sollte ich trotzdem mal hinfahren?“

„Klar! Es ist schön dort.“

Ich erzählte ihr von Polen, ein bisschen von Deutschland, wollte von ihr etwas erfahren, von ihrer Familie, sie wusste gar nichts.

Linda sah auf den dunkelnden Hof, taumelte ein bisschen.

„Waren deine Großeltern im camp?“

„Mein Urgroßvater“, antwortete ich. Und sie nötigte mich, die Lager aufzuzählen, und ihre Namen ganz deutlich auf Deutsch vorzusprechen; sie wiederholte sie.

„You know, nobody knows that I'm jewish. Nur ein Arbeitskollege an der Schule, ein älterer, aber er kommt auch aus Russland eigentlich, von den Schülern keiner.“

„Warum nicht?“

„In der Schule – willst du auch noch 'n Glas? - in der Schule mussten mein Bruder und ich beim Religionsunterricht draußen sitzen. Es war eine Schande, Jude zu sein.“

Sie hielt sich an meinem Arm fest.

„But thank you, thank you, I didn't talk about it for years! My brother moved away so far.“

Eva kam raus, ich wusste selber, wie unhöflich mein Fortschleichen war. Sie fing schon mit dem Abwaschen an.

Amos Oz hat einmal, in einem ansonsten hervorragenden Buch, gesagt, dass eine jüdische Person als Individuum sehr wohl auf der ganzen Welt Heimatgefühle entwickeln bzw. hegen könne; als Jude jedoch nur in Israel. Das scheint, besonders für einen Israeli (wie Oz) auf der ersten Blick einleuchtend, ist auf den zweiten aber Unfug. Nach dieser Logik müssten alle Pangermanen sich nach Indien, alle Türken in die mongolische Steppe sehnen, müssten alle Katholiken, zumal der Klerus, ebenfalls Jerusalem als ihre „eigentliche“ Heimat betrachten. Wenn alle sich in ihrem Heimatgefühl zu einem anderen Ort hingezogen fühlen als zu ihrer wirklichen Heimat, und dabei verdächtig wenige Orte für einen Großteil der Menschheit in Betracht kommen, hebt sich dieses imaginäre Gefühl und Verlangen in sich selber auf. Der jüdische Mensch ist wie jeder andere zuallererst Individuum, ob heimatverbunden oder herumstreunend, und dann natürlich ebenfalls – als Veganer, Tscheche oder Briefmarkensammler – Teil einer überindividuellen Gruppe. Das Schma Yisrael ist Symbol, genau wie das Iesum Habemus Socium der Jesuiten – es ist der, und dieser Einwand sei geltend gemacht, vielleicht sogar „genetische“, so doch vor Allem und in erster Linie symbolische, psychosoziale Fixpunkt der Gemeinschaft, der sich das Individuum verbunden fühlen können sollte oder nicht – zumal ein jüdischer Mensch.

Ich versuchte Linda zu erklären, dass ich mich dagegen wehre; aber wie gesagt, wir tranken viel in diesen Tagen.

Ich verabschiedete mich, flog auch früh am nächsten Morgen, sie gab mir einen dem Altersunterschied eher unangemessenen Abschiedskuss. Drinnen verhockte ich den Rest des Abends am Tisch kauernd, den südafrikanischen Erfolgsgeschichten hatte ich nichts entgegenzusetzen.

Die Gäste gingen, ich legte mich hin und versank in einem dunklen, traumlosen Loch. Das sie meist schlecht einschlafe, hatte Linda noch erzählt.

 

 

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