Text des Tages


(0,4 Promille)

(Auszug aus Problem I, II, III *. Geschrieben für das MMK Frankfurt für die Reihe 8 Betrachtungen mit direktem Bezug auf das Werk Problem I, II, III von Cy Twombly)

 

Pavel sitzt da. Er sitzt da, schwer und traurig, in Rosie’s Eck am Tresen. Sitzt da, wie jeden Abend in letzter Zeit, sitzt krumm und vorneüber. Sucht mit wässrigen Augen zwischen Aschenbecher, Bierglas und Erdnüssen Halt. Sucht nach einer Lösung und scheint sie nicht zu finden. Dreht sich im Kreis. Und sucht. Und sucht. Und wenn du so einen wie Pavel so da sitzen siehst, dann weißt du gleich, den lässt du lieber, das ist nicht der Verein und die Tabelle, da ist entweder die Frau oder die Arbeit weg. Und deswegen sind auch die Barhocker neben Pavel leer. Das ist Respektabstand in Rosie’s Eck, den haben hier alle schon einmal gebraucht.

Pavel ist neu hier und redet nicht viel: Machst du mir noch eins. Danke. Zahlen. Und das findet Klaus hinterm Tresen gut. Er macht, wie jeden Tag seit 40 Jahren, die Abendschicht, er hat schon viele Pavels reden hören, sie sind zu einem großen Gast verschwommen, und er ist des Zuhörens müde. Klaus hat seit Heiligabend ein Tablet, seit gestern eine DJ-App, und er ist froh, wenn die Pavels dieser Welt zwischendurch auch mal die Klappe halten.
Machst du mir noch eins?
Logisch.

Klaus zapft gekonnt und mit Ruhe, da siehst du gleich, wie viele Pils der schon gezapft hat, das müssen ja über eine Million sein, überschlägst du kurz, und da hast du Respekt, weil da jemand eine Sache wirklich gut kann und jede Bewegung bei ihm an seinem Platz ist. Da schaust du zu wie bei einem Lagerfeuer, wie bei einem Aquarium schaust du da und träumst dich ins Bier hinein und möchtest auch ein Pils sein und so von Klaus gezapft werden. Und dann macht er die Papierrosette unten um den Tulpenstängel, stellt Pavel sein drittes Bier hin und macht einen weiteren Strich auf seinen Deckel.

Danke, sagt Pavel und nickt. Er nimmt das Glas, trinkt und leckt sich den Schaum von der Oberlippe. Krümmt Körper und Blick dann wieder zur Lösungssuche hin, krümmt sich über den Tresen und krallt sich mit den Augen am Aschenbecher fest. Über ihm blinkt sich die Weihnachtsdekoration in Ekstase, und Pavel decodiert den Morsecode: Warum? Warum ich? Und: Wo ist hier eigentlich der Anfang?

So einer wie Pavel, der ist hier, weil man diese ganze Sache, egal ob Arbeit, Fußball oder Frau, auch mal mit Abstand betrachten muss. Aber das mit dem Abstand ist eben auch so eine Sache, das weißt du. Weil: Wie viele Biere müssen denn zwischen dich und die Welt? Wie weit will Pavel denn zurück?

Er entscheidet sich für einen weiteren Schluck. Und dann noch einen. Lässt sich weiter durch sein ganz privates Dunkel treiben, auf seinem uferlosen See treibt er ohne Anker und sucht und sucht. Dieser Tag war wieder ausgeblichen, trüb, geschmacklos, fad, wie alle Tage in letzter Zeit, trotz verzweifelt, flächenhaft dekorierter Festlichkeit. Er hebt den Kopf. Da blinkt Licht. Da gehen Münder auf und zu. Da schauen Augen flüchtig. Da wird Bier gezapft. Aber all das hat keinen Bezug zu ihm. Er ist nur noch Hülse, ein Hologramm, ein schwarzes Loch mit unendlich viel Masse. Wo hört er auf. Wo fängt er an. Dann wischt er alles in Gedanken leer, nur mal so rein theoretisch, erklären könnt er das niemandem hier. Also, denkt er, da ist diese Welt und ich in ihr. Damit fängt es ja schon an. Dass ich Ich bin und mittendrin in dieser Welt. Pavel und alles, was er ist, aber auch all das Pavelhafte, das keinen Körper hat. Auch dieses jetzt, dieser Gedanke, dieser Brei in seinem Kopf, auch das ist er, denkt er. Er nimmt einen Zug, seit Kurzem raucht er nämlich wieder, sieht die Zigarette zwischen Mittel- und Zeigefinger an. Sieht diesen glimmenden Stängel an, fühlt ihn. Das also ist die Grenze: Ich bin nicht die Zigarette.

Pavel atmet aus, der Zigarettenrauch wirbelt vor ihm in der Luft. Und da wird er stutzig, weil er nicht sagen kann, ob der Rauch noch Zigarette ist oder schon Pavel. Oder schon nicht mehr. Und da kann er dann doch nicht sagen, wo da genau diese Grenze ist, zwischen ihm und der Welt, und verheddert sich vollkommen in seinen Gedanken, seinem Körper, dem Zigarettenrauch und der Frage nach dem Warum.

Und dann denkt Pavel, dass ihm die Sachen immer nur passieren. Dass auch Erika ihm irgendwie passiert ist. Er fährt an den See zum Baden und kommt mit einer Ehefrau zurück. Plötzlich hat er eine neue Wohnung, eine Couchgarnitur, Schrankwände und gutes Geschirr. Dann hat er einen Kredit laufen, also bezahlt er ihn ab. Er muss Geld verdienen, also geht er arbeiten. Der Wecker klingelt, also steht er auf. Er steht an einer Ampel, weil Rot ist, und er geht, wenn und weil Grün ist. Er nimmt den Telefonhörer ab, wenn das Telefon klingelt, aber er ruft niemanden an. Er öffnet die Briefe, fast alles Rechnungen, immerhin Post, aber er schreibt niemandem. Er bekommt Mails und beantwortet sie nur. Pavel kommt sich vor wie eine endlose Kette von Reaktionen, Entscheidungen zu treffen überfordert ihn. Am liebsten, denkt er, würde er sich gar nicht mehr bewegen, nichts mehr tun und einfach aufhören zu sein, so wenig Raum einnehmen wie möglich, für immer hier auf diesem Hocker in Rosie’s Eck sitzen bleiben. Ein Inventar sein. Und auch das kennt er, denn eigentlich fühlt er sich so schon immer. Möbelkauf. Haarschnitt. Hemdenwahl. Arbeit. Das ist ihm alles nur passiert. Und auch der Tod, denkt er, ist keine Option, auch der wird ihm passieren, wie eine rote Ampel oder das Fernsehprogramm.

Und du denkst, dass so einer wie Pavel lieber mal laut brüllen und sein Fell schütteln sollte. Dass er lieber mal die Zähne in sein Leben schlagen soll, bevor es vorbei ist, und dann denkst du, das könntest du vielleicht ja auch mal tun, und nimmst schnell einen Schluck.

Und statt zu brüllen oder sein Fell zu schütteln oder seine Zähne in irgendetwas zu schlagen, spült Pavel nach und denkt an den Zettel auf dem Küchentisch. Denkt, dass das Problem etwa so groß ist wie er selbst. Und dass es Pavel heißt. Genau. So ist das. Er selbst ist nämlich das Problem. Und das Problem ist einsam, weil es von Erika verlassen wurde. Nach 34 Jahren Ehe, glücklicher Ehe, doch, schon, oder  etwa  nicht,  nach  34 Jahren jedenfalls wegen zu viel Passivität verlassen wurde. Nie interessierst Du Dich für etwas. Nie kommen von Dir Impulse. Immer muss ich alles entscheiden. Er nimmt den letzten Zug, drückt den Zigarettenstummel aus. Und so, wie er die Zigarette ausdrückt, da siehst du gleich, wie weit der noch vom Brüllen weg ist.

Klaus versucht einen Übergang von Last Christmas zu Cheri Cheri Lady. Mach diese Scheiße aus, denken hier jetzt alle. Traut sich aber keiner, ihm das zu sagen. Und Pavel biegt in Gedanken ab. Warum? Warum ich? Und wieder ist ein Loop geschafft.

Erika behauptet, dass sie die ganze Ehe, also 34 Jahre lang, nicht richtig glücklich war. Und das ist doch vollkommen unmöglich, das kann Pavel sich gar nicht vor- stellen, dass sie es geschafft haben soll, so lange nichts zu sagen, wo sie doch sonst immer sofort ... Kaffee zu kalt. Strand zu steinig. Fenster zu dreckig. Schnarchen zu laut. Matratze zu weich. Handtuch zu hart. Essen zu salzig, zu scharf, zu verkocht. Nachbarn zu unfreundlich. Winter zu kalt. Winter zu warm. Regen zu nass. Und jetzt ist sie weg, macht Yoga und findet sich selbst.

Das Problem macht kein Yoga. Das Problem macht ja noch nicht mal Sport. Das Problem geht normalerweise arbeiten und drückt am Samstag um 18:30 den Powerknopf vom Fernseher, schaltet das Erste ein, macht sich ein Bier auf und wartet auf seinen Verein und die belegten Brote, die die Frau nun nicht mehr bringt.

An einem ganz normalen grauen Novembertag war sie plötzlich weg. Pavel kommt von seiner Schicht nach Hause, und in der Wohnung kocht niemand. Kein Licht ist an. Kein Radio läuft. Keine Erika. Er ruft nach ihr, und dann war der halbe Kleiderschrank leer. Dann war da nur noch der Zettel in der Küche.

Warum? Warum ich? Guck, Pavel, jetzt hängst du da schon wieder fest. Nimmanochnschluck. Zurück zum Anfang. Es muss doch diesen Zeitpunkt gegeben haben, an dem es angefangen hat. Es muss doch den Zeitpunkt gegeben haben, wo seine Frau dachte: Ich bin nicht glücklich. Das Haus. Warum er gerade jetzt daran denken muss: an seine Klassenlehrerin von 1961, Frau Palkau. Schon falsch: Fräulein Palkau, war damals noch so. Fräulein Palkau: Bluse, Rock, Dutt und Brille. Wie sie ihn an die Tafel zitiert. So, Pavel, dann zeichne uns doch mal ein Haus. Blick über den oberen Brillenrand. Und vor ihm die große schwarze Fläche. Apropos Größe. Eigentlich kann man nie wissen, wie groß etwas wirklich ist, außer in der Abstraktion, also in Zahlen. Weil unser Auge es ja nie so sieht, wie es wirklich ist. Man sieht ja immer nur Ausschnitte, aber Pavel würde die Dinge gerne sehen, wie sie wirklich sind. Klaus’ Kopf zum Beispiel, denkt Pavel jetzt, wenn ich ihn jetzt zwischen Daumen und Zeigefinger nehmen und abmessen würde, dann wäre der Abstand doch nur so sechs bis sieben Zentimeter. Aber Klaus’ Kopf, der ist doch größer als das. Größer als sechs bis sieben Zentimeter. Ist er doch. Ist alles ’ne Frage der Perspektive. Und Klaus merkt jetzt, dass er so angeguckt wird, fragt, ob was ist, und Pavel sagt: Nein.

Aus Perspektive der Frau, oder ist sie schon Exfrau, ab wann sagt man Ex, oder ist das nur eine Phase und Erika kommt zurück, wenn sie sich gefunden hat, und wie wird sie dann sein, wenn sie von sich gefunden wurde, aus ihrer Perspektive jedenfalls ist das Problem jetzt wahrscheinlich kleiner. Und weil Pavel sie liebt, auf seine massive und unbeholfene Weise liebt, wünscht er ihr, dass sie jetzt nicht mehr unglücklich ist. Wir kommen nicht nah genug ran und nicht weit genug weg, denkt Pavel. Und genau das hat die Palkau nicht verstanden.

Pavel, dann zeichne uns doch mal ein Haus. Mit unsicherer Hand zog Pavel damals die ersten Linien. Und weil er nicht sehr groß war, hat er sich den Stuhl der Lehrerin geholt, damit er rankommt an seine Phantasie, und die Klasse hat gekichert. Erst eine Gerade, die das eine von dem anderen unterscheidet. Aus dem ersten Strich wurde ein sehr langes L, dann ein hohes U, bis sich schließlich ein Kasten formte, der Grundkörper von dem, was dann sein Haus werden sollte. Nicht irgendein, sondern sein Haus. Der Plattenbau, aus dem er kam. Und der war eben groß. Und Pavel wollte alles genau so zeichnen, wie es war, wie er es sah.

Da mixt Klaus einen wackeligen Übergang, und auf Amys They try to make me go to rehab antwortest du But I said no, no, no, weil das Wort rehab kennst du auch ohne Englisch, und das machst du immer hier, wenn dieses Lied mal kommt, und das kommt nur bei Klaus und nie bei Rosie.
Machst du mir noch eins?
Logisch.

Pavel steht auf und geht an den Spielautomaten vorbei, fummelt sich durch den Fransenvorhang aus Plastik zum Klo. Er pinkelt seit Kurzem auch zu Hause wieder im Stehen, obwohl er weiß, dass er nun selber putzen wird.

Aus: Ziegel 15 ·  Hamburger Jahrbuch für Literatur 2017 · herausgegeben von Jürgen Abel · Antje Flemming ·Wolfgang Schömel · Dölling und Galitz Verlag Juni 2017

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