Fixpoetry

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Text des Tages

auf der reise zu sich

mein geliebter ist mit seiner frau unterwegs auf reisen.
nach 4.000 km denkt er an mich und wirft eine karte ein
in ny ålesund, dem nördlichsten postamt der welt. die
ansicht: eine zahnreihe schwarzer stümpfe zwischen den
lippen von wasser und himmel. die rückseite beginnt mit
vier worten:

ich liebe dich sehr. die natur ist eine raue haut, doch sie
wärmt den boden der seele. spätabends bleibt die sonne
im norden hängen. die wolken schlüpfen durchs grün-
gelbe licht und legen ihre samtigen pfoten aufs meer.
in dieser stille sind siebzehn nationen und mein geliebter
auf der reise zu sich, im schlepptau nichts weiter als kälte
und wind.

Preisträgerin: Lyrik-Wettbewerb postpoetry.NRW 2015

Ulrich Bergmann: Das Gedicht auf der reise zu sich von Karin Posth ist deswegen subtil, weil das Gedicht doppelt oder gar dreifach gespalten ist: der erste Teil beginnt prosaisch und kippt bei der Beschreibung des Postkartenbilds kurz ins Metaphorische. Ist die Interpretation des Bildes die Entschlüsselung einer Botschaft? Dann der zweite Teil: Zitat des Banalen, eine gängige Liebeserklärung  des Geliebten, aber gebrochen durch die bereits erwähnte Tatsache, dass er sie erst nach 4000 km mitteilt, und nun wird der Rückbezug interessant: der Geliebte reist mit seiner Frau ... (warum schreibt er erst nach 4000 km an die Geliebte?). Und nun folgen nur noch metaphorische Sätze auf der Karte an die Geliebte - was für ein Bruch!, redet er jetzt in einer Subsprache zu ihr? Er philosophiert sogar über die Natur (auch über die Natur seiner Doppelliebe?). Was wärmt (ihm?) die Seele? Schreibt er das wirklich? Oder denkt sich die Leserin das aus? Denn in den letzten drei Zeilen (Versen?) des lyrischen Textes hat die Empfängerin der Postkarte wieder das Wort, sie redet von ihrem Geliebten und stellt der fast idyllischen Landschaftsbeschreibung kühlere Gedanken gegenüber: Sie sieht ihren Geliebten auf der Suche nach sich selbst: „... im schlepptau nichts weiter als kälte und wind.“ Das korrespondiert denn auch mit der „zahnreihe schwarzer stümpfe zwischen den / lippen von wasser und himmel.“ – von Sprachlosigkeit ist offensichtlich die Rede. So endet das Gedicht in ziemlich deutlicher Desillusionierung und führt zum Titel zurück: Auch das lyrische Ich reist zu sich selbst. 

Selten erreicht ein Gedicht diese grandiose Subtilität und Stärke des entfalteten Worts.

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