Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

ARABESKE

I

Auf der Kreuzung, plötzlich,
tauchen die Ziegen der anderen Welt auf.

Seiltänzerstunde, die wir nicht bestiegen.

Jadegestalt. Durch die barocken Jahrhunderte
tragen wir Löwen, maurische Zinnen und ambivalente
Segen, Namen von ausgestorbenen Krankheiten, Tonleitern, Säulen
aus hellenistischer Zeit
und Portale der Renaissance.

Die halbierte
Oktave. Hörner der Wüste.
Die Kindergartenwörter holen mich ein.

Das Ewige war
eine Mitte, die Mitte
war zu durchkreuzen, war
ohne Gesang. Und wer will nicht

singen.

Monstranz, von Staub-
fäden befreit. Niemandsland.

 

II

Zorn und Geheimnis bringst du mir wieder.
Kapernblüten über unserem Haupt.

Und unvorstellbar das Wasser, das die Rechtecke füllte,
das Grasen der Pergamente Qumrans.
Das Leben.
Blindgänger oder Hirtenjunge – die milchig blaue Fünf
spreizt ihre Finger an elender Wand auch am siebten Tag;

dass erfüllt
werde der

Spruch. In dieser
sich mit jeder Staubschicht verjüngenden
Haut einer weissen Verheissung, in die wir ein-
tätowieren noli –
noli me tangere.

Der Brummkreisel singt in mir. Die Rollsiegel rollen
über uns

weg. Obwohl sich die Blutgabel sofort verzweigt,
schnüffeln die Hunde nach Heimat

in den Wanderdünen des Glaubens, im Haarzelt, im Wind.
Hoch in den Bäumen der Stille
platzen die Feigen, Granaten, der Wein.

Der Hungerwall schliesst sich.

Etwas Blühendes, das du immer bei dir hast,
züngelt nach der härtesten Kuppe der Nacht.

 

III

Unter dem unzerrissenen Schrei der Schwalben
das sterbende Meer.

Arabeske. Arabeske des Suchens.

(Du hast den Mönch meiner Verzweiflung gesehen.
Du hast ihn nicht erkannt.
Wie hielten wir uns, wie liessen wir uns – die Vipern
im Herzen der Palme – tragen! Im verflimmernden Stein
Urchristentums Höhlen. Jenseits der Athos-Kapuze
Feindesland.

Das scharfe Wort, müde Wort Jude müsste hier stehen.
Stell es hin.)

Die Dame Abendhand streut Lichter aus, deren Wege Kriege
säumen und ziehn.

Die Halbwertszeit verjährter Wörter.
Dein traulicher Arm bewohnt meine Schulter.

In einigen Ballen
glücklicher Fuss. – Flatterndes Viereck Himmel,
Beduinentuch.

Zum Frühstück schenken wir uns in aller Wärme
Gethsemane ein.

Sonne – ich hol dich zurück, ich steige
schneller als du fällst –

 

IV

Lawinen, innen, dies ist das Land.

 

V

Unberührt liegt der gewundene Ruf zu Füssen Jerichos.

Das Licht über uns stillt seinen Hunger geduldig.

Distanzen nähen sich wie Narben in die Landkarte ein.

Ich pflücke dir das Vertraute. Es duftet nach Rosmarin.

Ich suche das Auge des Würfels.

Aber es fällt nicht.

Ziegenwege, Liebesnarben, langsam sterbende Hügel.

Über den grünen Kissen des Abschieds
geht erschrocken der Mond, morgen schon voll. Wie fahl
er jetzt ist, nah, und wie
bald schon rückwärts zu lesen zum mütterlich dunklen Mund.
Das Atmen wird schwer, kämen
Kiemen, Flossen, etwas –

Die Wüstenfische sind
gefangen im verflossenen Fels.

Hinter uns hat sich die Erde über die Sonne geschoben.

Ich erwachte aus der Ikone, du befahlst mir zu schweigen.

Still, Leben, die Ungeheuerlichkeit fliesst aus.
Auf den Lastkähnen der Wirklichkeit türmt sich der Kies
im Spiegel.

 

 

 

 

 

Wir stellen Ihnen Gedichte vor, die in engere Auswahl, d.h. unter die letzten 30 Texte für den Gertrud Kolmar gekommen sind. Wie Olga Martynova so schön in unserem Preisverleihungsfilm gesagt hat: "Das "Problem" war einfach, dass so viele sehr gute Texte dabei waren. Die  Analyse des Fragebogens ist nun auch online, besuchen Sie unsere Webseite  (Hauptnavigation, Menüpunkt Analyse). Allen, die mir geholfen haben, nochmals herzlichen Dank. Und um die Frage gleich zu beantworten, die so häufig gestellt wird - nein es gibt noch keine Folgefinanzierung. Aber das kann ja noch werden. Ihre Julietta Fix

Mehr Bilder und Texte