Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

augustsonntag mit balzac

(nach nadja küchenmeister, am grund)

 

wie schläfrig alles wirkt, als ich an la muette den zug verlasse,
paris steht träge wie ein karpfen im wasser, rührt sich nicht,
wartet sich von fressen zu fressen durchs leben, zuweilen gassigang,
gras rar wie schlaf bei balzac, der sich tot gesoffen hat, sagt man,
fünfzig kaffee lang die arbeitsnacht im mönchsgewand,
aus den augenhöhlen floss tinte, die cafetière in der vitrine,
das also war die kanne von balzac, der gehstock, die bibliothek

niemand weiß genau, wie spät es ist, wenn es zu spät ist,
in der m9 war es chaussée d‘antin la fayette, als sich die fixerin
auf den boden legte, rote augen unter schwarzen lidern,
boots mit eisenspitze, kapuze wie die kutte von balzac,
kaputte nebenumstände, die uhren abtragen

in der kaffeekanne gespiegelt: familien und objektive,
die menschliche komödie spielt in gedachten kathedralen
aus steinen, die beim berühren zerfallen und
sich in starbucksbechern sammeln

 

 

Video: Dominik Gruss

Erschienen in der 35. Wortschau, Paris, herausgegeben von Johanna Hansen & Wolfgang Allinger

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