Text des Tages

Wald

dunkel rauscht er hinterm Haus er lockt
er endet nie
Einzeller pulsiern in seinem Bauch millionenmal
unsterblicher als wir
als Saurier deren Hälse hier
zwischen Ackerschachtelstämmen
in die Winde ragten  

Totholz Erdgestalten voller Krusten
Russen kamen gegen Ende abgezehrt
sagen alle aus dem Wald
legten die Frauen Aug
um Auge flach es brennt
der Rachedurst

wir baun Verstecke aus armdicken Ästen
kann sein Holländermichel streift
durchs Dickicht über Grenzen bricht
aus dem Gebüsch und reißt
unsere Herzen aus der Brust und uns
treibt fortan Gier

wir machen immer in den Wald
wir teilen uns die Eckern mit dem Wild
Grimbärte stempeln mit der Drüse
zwischen Buchenaugen staben
spannen wir Katapulte
für die Raben

Keiler schäumen in der Rausche
Bachen lieben ihre Würfe ab sie kennen
keine Körperstrafen Häher
fliegen auf in weichen Suhlen
wächst die Lust am Wälzen
am Gefühl

Aus: Biestmilch, Kerstin Becker, edition Azur, Dresden 2016
BUCHPREMIERE: Heute Abend 19 Uhr, Literaturhaus Villa Augustin, Dresden. Moderation Uta Hauthal

»[...] die poetisch erzählte
Geschichte einer Generation
zwischen Natur und Gewalt
Nahrhaft wie Milch. Biestmilch«

Fixpoetry verlost Biestmilch im aktuellen Literaturrätsel - es lohnt sich mitzumachen!

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