Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Klopstock in der Talk Show

      Oh, wie war glücklich ich, als ich noch mit euch
      Sahe sich röten den Tag, schimmern die Nacht.
      Friedrich Gottlieb Klopstock: Die frühen Gräber

I.
Die Einschaltquoten waren so abgesackt,
daß man von einer ernsthaften Krise sprach.
Im überfüllten Konferenzraum
saßen die Macher und diskutierten.

Experten sprachen über Niveauverlust.
Man bräuchte einen Knaller mit Bildungswert,
vielleicht ein Dichter, der als Vater
heutiger Hiphopper dienen könnte?

Die Gentechnik als Wiederbelebung, das
verteuert jede Werbung ums Vielfache.
Beginnen wollte man mit Klopstock,
schon weil der Name so antiquiert klingt.

II.
Nachdem die technisch gar nicht so einfache
Gewinnung aus den winzigen Genschnipseln
gelungen war, saß Klopstock mit dem
Mikro am Kragen im Fernseh-Studio.

Er war der Star des König von Dänemark
gewesen und die Frauen verehrten ihn,
man schauderte bei seinen Versen –
jetzt aber war er ein wenig schüchtern.

Den Anfang machten Deutsche mit Gangsta Rap,
dann kamen Fragen: Waren Sie wirklich links?
Was fühlten sie als ihre junge
Frau starb? Wollten Sie ein Genie sein?

Da sagte Klopstock, Ursprung der Rap-Musik
sei wohl die Sehnsucht, echte Gemeinschaft zu
erleben, doch man bleibe häufig
in einer Zustandsbeschimpfung stecken.

Die Rapper fanden, da sei was Wahres dran.
Ein Filmstar sprach von Mode und Magersucht,
und daß er sich bei jeder Rolle
echt in die Psyche hineinversetze.

Zum Schluß erklärte sich der Politiker
die fünfte Ehe mit seinem Charisma,
und Klopstock hörte ihnen allen
nachdenklich zu und verfiel in Schweigen.

III.
Des Morgens kam die Sonne über die Hügel her.
da sahen sie, er war schon zurückgekehrt,
in seine moosbegrünte Heimat,
wo er den Tag sich nicht röthen sähe.

 

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