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Text des Tages

Milch und Häute

Kapitel II Auszug aus Der Defekt, Kein & Aber 2020

Sie hatte Vetko nach dem Häutchen gefragt, bevor sie es zum ersten Mal taten. Dass es das Häutchen gab, wusste sie von Malene, lange bevor in der Schule die Doppelseite im Biologiebuch aufgeschlagen wurde. Das Häutchen trennte, so viel verstand sie, das, was in ihr lag, von dem, was außen war. Darin waren sich das Buch und Malene einig. Ihre Freundin kam mit dem Kopf so nah an ihr Ohr, dass ihre unter dem Triumph eines mächtigen Wissensvorsprungs bebenden Locken an Minas Nacken schnippten, und wisperte an der verdruckst um die Klitoris herumschleichenden Biologielehrerin vorbei: »Es klingt wie Knallerbsen, wenn dein Jungfernhäutchen reißt.« Malene ließ die rechte, in Form gezupfte Augenbraue unter ihrem Pony verschwinden und grinste. Mina dachte an die weißen, fleischigen Beeren, die sie im Spätherbst auf dem Weg zur Schule von den Büschen rupften, dass die gebogenen Äste dem, der hinter einem lief, ins Gesicht peitschten. Sie hörte das trockene Krachen, wenn sie, schon halb geeist von Raureifmorgen im November, auf dem Boden zerplatzten. Mina erinnerte sich, wie ihre Mutter ihr an ihrem elften Geburtstag endlich Ohrlöcher gestochen hatte. An  Malenes Ohrläppchen waren die Goldringe und Glitzersteine das Ohr hinaufgewachsen, seit sie in der ersten Klasse neben Mina gesetzt worden war. »Mina und Malene«, hatte die Lehrerin gesagt. »Das kann man sich gut merken.« Und tatsächlich hatte nie die Gefahr bestanden, man könne die beiden verwechseln: Ma-le-ne, das war die Schöne, die Zunge musste dreimal Silben anschlagen wie die Maschen eines seidigen Garns auf den Stricknadeln der Mütter. Malene sah man, weil sie einen aufhielt, mit dem Schwung ihres dreisilbigen Namens und ihren blonden Locken und der sich das aprikosenmarmeladenfarbene Mädchenohr hochwindenden Glitzerstraße. Mina saß daneben, Mi-na, kurz und schlicht und unauffällig, ein Name, der schon vorbei war, sobald man ihn nur angefangen hatte, der sich im Schatten von drei- und vier- und fünfsilbigen Namen wegduckte und froh war, wenn ihn niemand bemerkte. Ohrringe wie Malene hatte sich Mina lange gewünscht. Sie standen auf der Liste der Verbote der Mutter ganz oben, und die Liste war lang. Reiten lernen? Verboten. Im Oktober das Mehlfeuerspucken am Marktplatz sehen ohne hundert Meter Sicherheitsabstand? Verboten. An Silvester auf dem Berg eine Rakete zünden? Verboten. Verboten waren auch nach acht Uhr abends am Wald zu sein und das Haar vor dem Spiegel im Ankleidezimmer der Mutter mit der Bastelschere über Schulterlänge abzuschneiden. Am meisten verboten waren aber: Ohrringe. Malene hatte ihre ins Ohr schießen lassen, bei einem Juwelier in der Kreisstadt, mit einer echten kleinen Pistole, aus deren Mündung eine Nadel durch Malenes Ohrläppchen zuckte, einmal, zweimal, und Malene hatte sich dabei in Minas Arm gekrallt. In der Schwarzwaldhochbahn auf dem Heimweg sah Mina die Sonne rechts und links von Malenes Gesicht aufblitzen, wenn das Licht in breiten Streifen durch das Abteil fuhr.

Als Mina elf wurde, gab die Mutter nach. Sie betrachtete ihre Tochter mit zusammengekniffenen Augen, sie kämmte Mina mit groben Bürstenstrichen das Haar aus dem Gesicht und scheitelte es gerade. Ihre Augen wanderten in ihren Schlitzen um Minas Gesicht herum und über zu breite Schultern bis zu den Füßen und blieben an der Beule des Überbeins stehen. Die Augen fanden nicht, was sie suchten. »Wenn es denn hilft«, sagte die Mutter und ging Essig holen und ein heißes Leintuch, denn die Pistole des Juweliers war und blieb verboten. Die Mutter zog eine Ledernadel aus dem Nähkissen und betupfte Minas Ohr und die Nadelspitze mit Essig. Mina hielt einen Korken hinter ihr Ohrläppchen, und als es vorbei war, waren zwei nähnadelspitzengroße Löcher auf dem Kork und zwei Tröpfchen Blut, die bereits eintrockneten. Die Mutter drehte schlichte Silberringe durch die Löcher und klebte große hässliche Pflaster mit Wundsalbe darauf, und Mina versteckte ihre Ohren hinter dem strähnigen Vorhang ihrer Haare, froh darum, dass sie so lang waren. Eine Verbotsliste gab es nicht mehr, jedenfalls keine, die so klar untereinandergesetzte Punkte gehabt hätte. Die neue Liste sprach die Mutter nicht aus, nicht einmal, wenn Mina gegen sie verstoßen hätte, aber doch war sie da: Die Liste war immer dort, wo die Mutter nichts sagte und die Lippen zusammenpresste und sich am Abend die fransige Haut von den vom Zusammenpressen und Schweigen trockenen Lippen zog und viele Häkchen auf den Bestellkarten ihrer Einrichtungskataloge machte. Auf dieser neuen Liste stand das Häutchen.

Als Vetko das Häutchen fortnahm, fühlte sich Mina, als käme mit Vetko auch eine Welt in sie hinein, die sie bislang ferngehalten hatte. »Wenn es so ist wie die Haut auf meinen Armen und Beinen«, hatte sie Vetko gefragt, »wie willst du dann durchkommen?« Wie konnte etwas, das aus Haut war, mit etwas anderem, das aus Haut war, durchtrennt werden? Die Internetsuche hatte Mina schnell eingestellt: Es gab deutlich mehr Suchmaschinentreffer für »Jungfernhäutchen wiederherstellen« als für die Sache, die davor lag, und die übrigen Meinungen zerfaserten sich, bis fühlt sich für jeden anders an übrig blieb und Mina ratlos zurückließ. Was blieb, war eine Scham, dass sie in einer auserzählten Zeit, die mehr Antworten kannte als Fragen und alles Fragbare von Maschenanschlagen beim Sockenstricken bis zu Vor- und Nachteilen möglicher Selbstmordmethoden auf Knopfdruck lieferte, noch eine Unwissenheit hatte, die sich in nichts von der Unwissenheit derer unterschied, die in anderen Sommern, in anderen Jahrhunderten über die Beschaffenheit von Häutchen nachgedacht hatten. Vetko führte Mina in die Küche und goss etwas Milch in einen Topf. Er drehte den Herd auf und machte das strömende Gas mit einem Streichholz sichtbar: Eine Corona aus tänzelnden blauen Flämmchen leckte gegen die Unterseite des Topfs und brachte die Milch zum Kochen. Vetko nahm den Topf von der Flamme und stellte das Gas ab. Auf der abkühlenden Milch hatte sich eine Schicht gebildet, die mit der Flüssigkeit hin und her schwappte und Falten bekam. Er füllte die Milch samt Haut vorsichtig in einen Becher und gab ihn Mina in die Hand. »Dein Jungfernhäutchen wird genauso reißen, wie die Haut auf der Milch reißt«, sagte Vetko. »Es wird geräuschlos sein und so schnell, dass es schon vorbei sein wird, ehe du es richtig merkst.« Er versprach das in einer Bestimmtheit, als habe er Übung darin, ja: als habe er eine Meisterschaft erlangt, von der sie nicht wusste, woher sie kam – waren die möglichen Übungspartner doch auf einem begrenzten Terrain verteilt, das dort aufhörte, wo die margarinegelb blühenden Teerosens töcke ihrer Eltern in den wilden Ginster des Waldes übergingen. Während sie nachdachte, legte er ihr die Hand auf die Schulterblätter. Der Festigkeit seiner Stimme zum Trotz zitterte er leicht, ein Zittern, das über ihren rechten Arm und in die Milch floss, deren Haut schwankte und bald reißen würde wie ihre eigene. Mina fragte sich, wie Milch schmeckte, in der sich das Zittern von Vetkos Lüge aufgelöst hatte. Sie nahm einen Schluck, darauf bedacht, die Haut ganz zu lassen. Die Milch schmeckte süß und ein bisschen fettig, und dann zog sie sich aus. Sie legte sich auf dem Bauch auf Vetkos schmales Kinderbett, und während Vetko, der sein T-Shirt anbehielt, sich hinter Mina kniete und sich ohne eine weitere Ankündigung in sie schob, umklammerte sie weiter die Tasse, die warm in der Mulde ihrer Handfläche lag. Sie konzentrierte sich nur darauf, auf das weiße O der Tassenöffnung von oben mit einer vollkommenen, unberührten Haut, die allmählich immer mehr zu schwanken begann, sie nahm ihre zweite Hand dazu, um sie ruhig zu halten, und dann gab es ein scharfes Gefühl zwischen ihren Beinen wie ein Bienenstich, ein Papierschnitt, und die dünne, zarte Haut auf der Milch war gerissen.

VERANSTALTUNGSHINWEIS

01.09.2020, KOOKread: Female Lust – don´t protect me from what I want

Leona Stahlmann erzählt in ihrem gerade erschienenen Debütroman „Der Defekt“ (Kein& Aber) kraftvoll und sinnlich von Schmerz, Lust und dem Aufwachsen mit einer von der Norm abweichenden Sexualität.

Die Veranstaltung findet im ACUD-Studio (Live und als Stream) statt (Veteranenstr. 21, 10119 Berlin-Mitte, www.acud.de).

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