Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Soliloquien

Ich habe immer geschwänzt -
Französisch Mathe Bio
und die blutigen Ebenen der Geschichte -

Als Titus seinen Triumphzug abhielt
kickte ich eine Dose über den leeren Sportplatz
Als die Bastille gestürmt wurde
streifte ich durch ein Maisfeld -

Wie gut kenne ich das Hallen meiner Schritte
auf verwaisten Gängen
Die schockgefrorene Stille des verlassenen Wäldchens -

Ich habe Akademiesitzungen geschwänzt, haufenweise
Festvorträge Bußgottesdienste lästige Parties
Ich habe die Kantische Pflichtethik geschwänzt
und warte noch immer auf die bitteren Konsequenzen
Ich habe Bergtouren geschwänzt und Strandausflüge

Ich habe einmal sogar Florenz geschwänzt
um einen vollen Nachmittag
dem mystischen Surren der Klimaanlage zu lauschen -

Ich habe das Licht geschwänzt und den Schatten
Ich habe die wundersame Brotvermehrung geschwänzt
und leider auch die Nachtwache im Garten Gethsemane -

Doch meine einsamen Streifzügen
haben mich manches gelehrt:

Daß die Stille ein Palast ist
mit unendlichen vielen Spiegelzimmern
Daß Kaiser im Exil sich nach und nach
in grüne Käfer verwandeln

Daß die Toten als Fassadenkletterer
über die Dächer spazieren
und daß ich zu ihnen gehöre

Daß Schneeflocken
wenn du ihnen lange genug zuschaust
aufwärts fallen

Aus: Elefant mit Obelisk, Ludwig Steinherr, Lyrikedition 2000 München, 2016

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