Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Lust auf Lyrik-multinational

Beispielgedichte für „Lust auf Lyrik – multinational“
Schülerinnen und Schüler der Deutsch-Förder-Klasse der Wilhelm-Busch-Realschule

Vorgetragen am 23.1.2018 im Lyrik Kabinett München

 

Still stehen         hoch schauen

meine Hand in Richtung Himmel heben

viele Fragen stehen auf meiner Handfläche geschrieben

Ich hoffe, Gott kann sie lesen
Ich hoffe, Gott kann Deutsch lesen

(Noham Gabrael)

*

Ich habe mein Herz, meine Gedanken in einer unbekannten Welt

ein Gefühl, ein Gewissen steckt in mir immer noch

ein Gedanke hier, ein Gedanke dort

jede Sekunde, jede Minute kommt ein neuer Bescheid

ein Bescheid vom Tod, ein Bescheid von Bomben

ach, meine Heimat, ach, wann wird Freude, Ruhe zurückkommen

wann wird endlich ein Lächeln auf unserer Familie sein!

Ich bin hier, ich bin hier, aber meine Seele, mein Herz, mein Gewissen
ist immer bei meinen unschuldigen Leuten.

Ach, mein Heimatland, ach!!!

(Khatoon Jalali)

*

Jeden Tag brauchst du deine Hand
zum Anziehen, zum Kämmen, zum Duschen, zum Begrüßen.
Ich nutze meine Hand immer und irgendwann.

Ohne Hände ist es schwer, etwas zu erklären.
Finger spazieren durch die Luft, frei und lustig.
Wie wenn du ein Instrument spielst,
so einfach,
so interessant.

(Brankica Kondic)

*

Ich brauche meinen Heimatort, noch einmal will ich ihn besuchen.
Ich möchte zu den alten Läden gehen.
Ich werde auf der Gasse spazieren gehen.
Es wäre auch schön, ein klassisches Frühstück zu essen.

Aber jemand hat mir gesagt, das sei alles verändert.
Dort gibt es keine alten Läden, sondern ein Einkaufszentrum.
Dort gibt es keine kleinen Gassen, sondern große Straßen.
Niemand isst Reisbrei, sondern Brot und Kaffee.
Die Stadt braucht mehr Entwicklung.

Aber ich brauche meinen eigentlichen Heimatort.
Ich möchte wirklich noch einmal meinen Heimatort besuchen.
Ich hoffe, alles wird gut.

(Zengxiao Xia)

*

Der liebevolle Baum

Die Blätter waren sehr stolz auf diesen Baum.
Die Blätter waren sehr begabt für diesen Baum.
Der Baum hatte viele Zweige.

Ohne diesen Baum sind die Blätter nichts.
Ohne diesen Baum sind die Zweige nichts.

Der Winter griff den Baum an.
Die Blätter fielen.
Die Blätter starben.
Die Blätter flohen.

Es regnet!
Die Äste brechen.
Die Blätter sind voll mit rotem Wasser auf dem Boden.

(Broksista Yunis)

 

Veranstaltungshinweis: Heute, 23.01.2018 um 19 Uhr stellen die Schülerinnen und Schüler, gemeinsam mit der Leiterin des Projekts Karin Fellner  ihre Gedichte vor. Lyrik Kabinett München, Amalienstr. 23a, 80799 München. Der Eintritt ist frei.

Sie stammen aus Afghanistan, Äthiopien, Bosnien, Bulgarien, China, Guatemala, Kroatien und Syrien – die Schülerinnen und Schüler der Deutsch-Förder-Klasse der Städtischen Wilhelm-Busch-Realschule. Deutsch lernen sie erst seit ein, zwei Jahren. Ihr Weg nach und auch in Deutschland war alles andere als leicht. Mit umso mehr Zuversicht erwerben sie in diesen Jahren den ‚Schlüssel‘, der ihnen langfristig eröffnen soll, was sie alle wünschen: Ankommen in Deutschland, die Mittlere Reife machen. Mit „Lust auf Lyrik“ in der deutschen Sprache betreten sie alle Neuland. Angeleitet von der Dichterin Karin Fellner erkunden sie rhythmische Überlagerungen zwischen verschiedenen Sprachen oder Bildschätze, die in diesen Sprachen schlummern und im Deutschen eine neue Strahlkraft entfalten. Sie fragen: Wie kann man Verse übertragen? Und welche Besonderheiten des Deutschen erscheinen einem Neuankömmling so verwunderlich, dass sich daraus poetische Funken schlagen lassen? Die Schülerinnen und Schüler stellen eigene Texte und Übersetzungen aus vier Kreativsitzungen vor – und öffnen mit ihren unterschiedlichen ‚Sprachschlüsseln‘ neue poetische (Zwischen-)Räume. (Lyrik Kabinett München)

Mehr Bilder und Texte des Tages