Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

(Hier wird die Handschrift ganz klein) - ein Fragment aus der Gegenwart

(Hier wird die Handschrift ganz klein.) Doch ganz kurz schreiben. Gestern, ich versuche, meine Hausarbeit zu schreiben und alles andere zu vertagen. Verschieben. Aus dem Sichtfeld. Nicht dran denken, Konzentration! Dann ein einziges Wort und ich kann nicht mehr schlafen. “Sehr” heißt das Wort. Zittrig und ängstlich. Ein Schuldgefühl. Auf mehrere Weisen erregt. Gestern, vorn auf dem Sofa, im Wohnzimmer. Dort sitzen die Schwiegereltern, da sitzt Johanna. Ich mittendrin. Der Fernseher auch da. Mit dem Laptop auf dem weißen Sofa (vorn auf dem Sofa mit dem Laptop des Hauses, weil keiner das WLAN-Passwort mehr weiß). Bei Gmx meine Mails. Meine Facebook-Nachrichten: Eine neue Nachricht von Alina! Kann man sehen, wie unter einem T-Shirt ein Herz schneller klopft? Wie ich flüchten will und deshalb erstarre? Keine falsche Bewegung! Sitzen bleiben. Was lief im Fernsehen? Am Ende der Nachricht der Satz “Ich mag dich - sehr.” Das Sehr. Und davor dieser Bindestrich. Vielleicht doch eher der Bindestrich, der mich nicht schlafen ließ. Kein Binde-, ein Gedankenstrich! Ein Zögern, ein Innehalten, ein Überlegen - und dann trotzdem ein Sehr. Vielleicht war es vorher ein “Zu sehr”. Oder irgendwelche Erklärungen (Liebes-, Unabhängigkeits- und - Kriegs- nicht, aber Verzichtserklärungen vielleicht). Aber streicht alles wieder und lässt es letztendlich bloß beim Gedankenstrich: Alina. Steckt alles drin in so einem Gedankenstrich, was man nicht hinschreiben darf. Wir sind Germanisten, wir haben Kleist gelesen, wir wissen, wozu so ein Strich alles fähig. Ein Zögern, den Kopf gesenkt. Und dann gezielt ein Augenaufschlag. Das Sehr ist der Augenaufschlag. Trifft einen und bringt einen aus dem Konzept. Aus dem Tritt. Auf das Aus- folgt das Einatmen. Aber nicht so tief, dass es auffällt. (Hätte ich nur zwei Minuten später sagen können, was im Fernsehen lief? Was Johanna anhatte? Froh, noch zu wissen, wie man einen Fuß vor den anderen.) Alles ist möglich nach so einem Blick in einen hinein. Alles möglich und ungeheuerlich. Was dir als erstes vor die eigenen inneren Augen aber, ist nicht das mögliche Dann (Neuanfang, Kennenlernen, Küsse unter der Markise, Liebe, Zuversicht, Harmonie und Glück für immer // bis ans Ende // ever after [mit Alina] (wer weiß, flüstert es [dialektisch]: es ist eh bald vorbei, es stirbt hier gerade, was nie richtig anfing; die Facebooknachricht bloß eine Art Angstblüte)), sondern das, was mit Sicherheit folgt: der sichere Schmerz, das Leid, das Gefühl der Verschwendung, die sichere Schuld, das Loch, das du gräbst. Wie der Magen sich dreht, die Nacht voller Träume, kaum Schlaf. Ich kann nicht mehr hier sein. Alles widert mich an. Essen, sitzen und reden. Die Freundlichkeit der Schwiegereltern. Ihre Kaffeemaschine! Mit Kaffeepads. Mit Schaum oder ohne? Bis jeder seine Tasse hat, ist der Kaffee kalt. Kriegt man zuerst, ist er im besten Fall lauwarm, bis der letzte seinen hat. Ich verfluche George Clooney.1 Weißes Geschirr. Viereckige Teller (die Ecken geschwungen). Die Tapete, der Fußboden, die Panelen. Eine echte Samuraischwertimitation an der Wand! Auf dem Fensterbrett deutsche Vorort- und Arztpraxenorchideen. Die Gardinen, das Fenster, der Ausblick (Natur!). Die saubere Luft, die wir atmen. Nicht Johanna. Sie nicht. Immer noch gut, ihre Nähe. Angenehm und behaglich. Ihre Fürsorglichkeit. Liebe. Aber auch, als müsste ich allmählich anfangen, mich dagegen zu wehren. Es ist alles noch da, aber ich darf es schon nicht mehr zulassen. Ein Raum, der schrumpft: Wir sind zusammen und bilden zusammen einen Raum. Ein Paarraum, in dem immer noch Platz für Nähe, Sorgen, Frühstücken, Fürsorglichkeit, Vorlesen am Abend und Liebe. Alles, was wir schon haben. Aber jetzt schon kein Platz mehr für mehr: Zusammenziehen, Hochzeit, einen Urlaub zu zweit, Zuversicht, ein Kind oder ein gemeinsames Hobby [...]. Ein kleiner Raum zu Beginn. Wurde groß und größer dann. Über Jahre hinweg immer größer, wächst mit und wird wohnlich (man richtet sich ein und kann sich vorstellen, für immer darin). Gut möglich, er schrumpft. (Steht nicht schon der gemeinsame Humor als Sperrmüll auf der Straße? Zu verschenken! Der Humor, das Treffen mit Freunden und ein paar gemeinsame Erinnerungen doch auch schon).

Später, am Abend und alles vertraut und schön und warm, solange Alina nicht auftaucht in meinem Kopf. Ich weiß überhaupt nicht, was passieren wird. Was wahrscheinlicher ist als was. Keine Zukunft vor Augen. Nicht, wie vor kurzem noch, mehrere Zukünfte: Gar keine mehr. [Das ist nicht In-der-Gegenwart-Leben. Das ist wie Fahrradfahren bergab, und die Kette gerissen.]

Sechsunddreißig Minuten später. Vielleicht geht es vorbei. Vielleicht sehe ich sie noch ein paarmal und merke, sie hat keine Lust mehr. Ihr Interesse stirbt ab. (Ein langsamer, lauwarmer und freundschaftlicher Alinaentzug.) Oder dass ich sowieso nur allerhöchstens vorübergehend interessant für sie war. Von Anfang an bloß vorübergehend. Und wenn nicht? Was sie denkt und fühlt. Ich will das wissen. Also grundsätzlich und immer möchte ich das (immer wenn ich sie sehe oder vor mir sehe). Kein Richtiges. Jemandem davon erzählen. Es am liebsten Johanna erzählen. Sie kennt sich aus mit solchen Geschichten. Eine Welt, in der das möglich wäre. In der Falsches auch richtig sein kann. Mit allen Zweifeln ihr davon erzählen. Eine Vertraute und könnte mir helfen wie mit allen anderen Zweifeln und Sorgen seit Jahren. Es ist ja auch fahrlässig gefährlich gemein, so ein Geheimnis.

Später. Es ist gemein und ich bin sicherlich feige. Aber auch wenn ich nicht feige wäre: Man dürfte es nicht. Man sollte allein aus Vernunftgründen nichts überstürzen. Jetzt, wo es nicht mehr. Wo das Kind eh schon in den. Nicht mehr zu ändern. Ihr keinen Gefallen damit.  Ihr bloß eine sichere unnötige Verletzung, indem man es ihr erzählt. Du. Ich.2

 

 

  • 1. An dieser Stelle, stelle ich mir vor, dann in der Zukunft in zeitbezügeerklärenden kommentierten Ausgaben ein Kommentar, der George Clooneys Werbetätigkeiten erklärt.
  • 2. In ein Loch, das Geheimnis. Hineinflüstern, zumauern. Ein Loch in einem alten Baum. Immer mehr Jahresringe, der Baum. Stirbt von alleine und wird gefällt irgendwann in der Zukunft? Aus dem Baum dann chlorfreies Papier, das mit einer Geschichte bedruckt wird. Hält der Baum dicht zwischen den Zeilen?

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