Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

A H A B

(Auszug)

[…]

Blinde Sterne scheinen nichts aufzuklären
Aber Volksfeste als Massenwiege
Aber mit verordneter Fröhlichkeit
Feiert man durch jede Flaute und Hetze
Alle Aber werden weggefeiert
Flüchtlingslager taub an Wänden, die
Pausenlose Parolen grölen
Die fünfte Wand, der mobile Zaun: die Angstdemo
Gestützt von der Gegendemo
All die Demos Gegendemos
Wir können uns auf rote Ampeln einigen
Nicht aber auf Bedürfnisse
Lass den letzten Zahn im Maul, Mama
Das Gebiss können wir uns nicht leisten
Die Mäuse gewinnen den Krieg
In den U-Bahnstationen, im Dreck noch
Putzig zu sein erfordert Überlebenswillen
Opake Exilanträge können gestellt werden
In der Hoffnung, dass es jemanden gibt
Der sie bearbeitet; was muss passieren, damit du
Wie Brückenbrand in ein fremdes Land ziehst?

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Wir stellen Flüchtlingsscheuchen auf
Stellen Anreize als Abschreckung dar, hier
Gib es nicht, gibt es nichts, Enthinderung gibt es
Nicht und mit dem Elend Schindluder zu treiben
Da ernte ich den Eindruck, wir züchten Waste Lands
Und das nicht erst seit gestern
Es scheint als wäre diese Zuchtlinie
Nicht durch Liebe zu verändern
Wie das Verbot gepflegt wird, auch dieses Verbot
Gepflegt zu hassen
Tünche deine Weste bis zum umfallen
Aber lass mir Makel, lass mir meine Makel
All die Aber sind Angsttünche
Dass ich letztendlich fremde Länder abziele
Deren Sprache ich nicht spreche, aber
Hass aus Unverstehen und ich will
Nur hassen, was ich auch verstehe
Wir fühlen unser Fühlen als Politikum
Seelenheilrhetorik, ich glaube
Wir liegen nicht mit Emotionen falsch
Wir liegen falsch, weil wir die Vernunft
Für vernünftig halten
Beobachtung blinder Sterne, aber
Blinde Sterne schienen nicht aufzuklären

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Ich kann nichts weiter verkaufen außer mich
Bedingungsloses Grundverkommen
Wie schmeckt dir das Geld, das ich nicht habe?
Ohnehin können Fünf Euro
Keine bedrohte Art wie dich retten
Mit Krumen füttert man Gemüter heutzutage
In hadren Zeiten kriegt man kein ganzes Brot
In hadren Zeiten kriegt man ein ganzes Boot
Slave never dreams to be free
Slave only dreams to be king
Ich befürchte die Lust des bloßen Augenblicks
Wenn es lockt, die nächste Generation
Zu fressen, und es ist niemand da
Um das All aufzuhalten
Ein frenetisches, genetisches Roulette
Weiß, Mitte zwanzig, Student
Ich könnte doch ein Patriarch sein
Schau mich nicht so an
Ich will niemanden unterdrücken
Aber es fällt so leicht

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Die Kritik ist aufm Klo
Adorno- und Marxzitate umrahmen Glory Holes
A C A B und ihr kreuzigt das Hemd
Nicht seinen Träger
Ich möchte das Volk verhetzen
Ich möchte, dass ihr euch alle
So sehr selbst hasst
Dass kein Hass für Andere übrigbleibt –
Utopisch, ich weiß – ein schwarzes Loch
In dem die Masse des Arguments aufgelöst wird
Ein freier Fall in Kommentarspalten
I thought what i’d do, was I’d pretend
I was one of the deaf-mutes
Der Liebe zum Gegenteil
Sagt nein zur erzwunger Friedlichkeit
Sie macht es Agitatoren nur einfacher
Ich habe genug von sozialen Hetzwerken
Lasst uns eine Firewall des Friedens zwitschern
Wir surfen im Zerrformationszeitalter
Realität ist ein Hyperlink
Ich fühle mich so Bastard auf facebook
Nicht, weil ich mich frage, was ich posten darf
Sondern, weil ich mich frage
Bin ich, der postet?

[…]

Aus: Amok PerVers, Gedichte, Martin Piekar, Verlagshaus Berlin 2018

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