Fixpoetry

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Text des Tages

Mich zu verlieren

Januarnebel, leichter Schneefall.
Aus dem Schornstein des gegenüberliegenden
Hauses steigt eine Rauchfahne,
gedrückt wie die von Kain auf alten Stichen.
Eigentlich ein Setting für Stille.
Jedoch zerteilt ein Mann im blauen Overall
die winterlich leere und dabei sehr offene Szenerie
aus Schneefläche, Flocken und Rauch –
weiß auch die Hauswände, davor die kahlen Zweige,
und außer diesem ameiseneifrigen Menschen
keine erbärmliche Seele auf dem Plan –
mit einer Motorsäge in armlange, transportable Stücke.
Unter seinem orangenfarbenen Ensemble
aus Helm, Ohrenschützer und Schutzbrille
bleibt er für die Geräuschumkehr
der herabsinkenden Schneekristalle unempfänglich.
Wäre er Abel und nicht ich,
ich wüsste, was übrigbliebe zu tun.
Ich ginge hinaus in die Kälte, ihn Achtung zu lehren
und Ehrfurcht vor dem Schnee,
seiner heiligen Stille, seinem heiligen Schein.
Eine Kohlmeise umspringt eine
müd im Gezweig hockende Wacholderdrossel
mit aufmunterndem Geflöte.
Hätte ich einen Bruder gehabt. Wäre ich.
Kohlmeise ab. Wacholderdrossel ab.
Zurückbleiben wippende Äste. Variable Linienführung
winterlicher Radierungen. Wäre ich
Grafiker geworden. Hätte ich. Nun aber sitz ich
am Fenster. Blicke hinaus. Bemühe mich weiterhin,
die sich zeitweilig noch aufbäumende
Motorsäge auszublenden. Um nicht
Gefahr zu laufen.

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