Text des Tages

Männlichkeit und Traurigkeit und Kite-Surfen

(Auszug)

Und an der Stelle, genau, da breche ich dann plötzlich in Tränen aus. Ja, das krieg ich hin. Ich denke dann immer an mich. Oder ich denke an mich, indem ich an dich denke.

Es ist die Stelle, an der ich dann allein bin. Allein wie ein Cis-Mann. Der für sich stehen will wie ein Cis-Mann. Und ja, ich bin hier auch traurig. Traurig wie genau die gleiche Ausnahme. Ich fühle mich gottverlassen und nicht cute. Und, als hätte nicht ich die Stelle, sondern umgekehrt die Stelle mich. Mein Allein-Sein ist eine Stelle, die – huch – kaum für sich stehen kann. Sie kippelt, jetzt zum Beispiel, schludert. Du musst sie immer wieder neu aufsetzen, die Stelle halten. Halten, wie beiläufig halten, wie nervig. Diese virtuose Anstrengung von Durchlesen, Rumsitzen, Ansprechbarkeit, ein reduzierter Rhythmus, das Smartphone zu checken. Später lerne ich, dass das emotionale Arbeit heißen kann. Oder Fürsorge. Dass es überhaupt Namen gibt wie Namen, falsche Wörter, die ex-unsagbare Stellen halten. Aber warum fühle ich mich so allein, wenn das hier andere für mich tun? Warum fühl ich mich so alleine selbst auf der Rückbank deines Ferraris? Der Ferrari steht hier für deine Fürsorge. Ich schlafe sofort ein, wenn du beschleunigst.

Währenddessen betritt die Stelle, die ich nicht habe, die Bühne, also ich. Stelle könnte hier auch Körper heißen, wenn ich sie hätte. Mein Körper verwechselt das Betreten des Raums mit der Besetzung des Raums. Die Stelle gibt mir das Gefühl, ich säße am Rand, nicht das Gefühl, dass selbst mein Rand bis in die Mitte reicht. In der Mitte merke ich oder merke ich nicht, wie mein Knie an andere Knie stößt. Mein Knie kann das.

Und alles ist jetzt voll von Standard-Tränen (meinen), geweinten und nicht geweinten. Manche haben Taschentücher dabei und bieten sie mir an. Andere rufen: Ach, mit Besetzung des Raums meinst du dieses bisschen stehen gebliebenen Abwasch? Dieses bisschen 92 Prozent Redeanteil?? Wieder andere können sagen: Das ist weiße Cis-Männlichkeit, wie sie den Raum besetzt, das Mittel der Gewalt. Ich will an dieser Stelle zu den anderen halten. Aus guten und aus schlechten Gründen. Der gute Grund ist: Ich will eine Person sein, die ich sein könnte. Der schlechte Grund ist: Ich will jemand Anderes sein, der ich nicht sein könnte.

Ich will auch deine Stelle halten. Aber es könnte sich so anders anfühlen, deine Stelle halten zu wollen als sie zu halten. Aber habe ich genug Halt, nein Halten. Stelle ist das falsche Wort. Gefühl ist auch das falsche Wort. Später halte ich sie für Namen. Ich halte Namen für Namen.

 

Veranstaltungshinweis

KOOK.MONO. schrift spricht
12 Autor*innen, 12 Stücke, 3 Abende: KOOK.MONO schafft neue, performative Formate für literarische Texte. KOOK.MONO findet statt vom 24. bis 26.9. in der Lettrétage, dem ausland berlin und dem DOCK 11.

In der deutschsprachigen Literatur äußert sich derzeit ein neues Bewusstsein für Schreibweisen, die Aspekte des Sprechens sowie des Szenischen fokussieren. Gleichzeitig finden Texte in der Performancekunst eine größere Beachtung. KOOK.MONO. schrift spricht möchte dieser Beschäftigung mit den Dimensionen des Mündlichen und der Darstellbarkeit von literarischen Texten, im Besonderen Langgedichten, Raum geben, sie reflektieren und vertiefen. Lyriker*innen und Künstler*innen verschiedener Generationen und Hintergründe sind eingeladen, Texte und Performances zu entwickeln und zu zeigen, die mit der Oralität lyrischer Formen für die Gegenwart neu umgehen. Bei den anschließenden Paneldiskussionen werden Fragen zur Form, Entstehung und Ausgestaltung der Gedichte/Stücke, zu ästhetischen Positionen sowie zu den gewählten Themen miteinander wie mit dem Publikum ins Gespräch gebracht.

Am 26.9. präsentieren Christiane Heidrich, Hieu Hoang/Senthuran Varatharajah, Rike Scheffler und Max Wallenhorst ihre Arbeiten. Das anschließende Gespräch moderiert Daniela Seel. ausland berlin, Lychener Str. 60 in 10437 Berlin.