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Hitzeferien in Bielefelder Fabriken

Im Nachwort ist auf Dr. Oetker hingewiesen; der ganze Roman Jelängerjelieber spielt in OWL. Mein in Hessen endender "Westfalen-Roman“ Jelängerjelieber, bei Benzinger 1983 gedruckt, soll angeblich die erste Darstellung der Antibabypille enthalten, wirklich liest im Buch eine Rothaarige aus der Bildzeitung vor, in Dr. Oetkers Puddingfabrik, Bielefeld Sommerferien 1958. Ein Märchen, schien es und war es, ohne Angst leben und lieben zu können. Eine Generation lang ohne Furcht von Kinderkriegen.

Doch es gibt mehrere Bielefelder Fabriken, in denen ich bis zu einem ganzen Jahr nach dem Abitur gearbeitet habe, um die ersten Semester vom Studium zu finanzieren, für meinen Ehemann und mich.

Meine Fabriken möchte ich nicht missen! Darüber konnte ich als Autorin schreiben. Wo kann man heute noch richtige Fabriken mit Frauen-Leichtlohn und Fließband-Akkord recherchieren. Auch wenn ich fürs Erfinden und Dichten bin, so etwas muß man gesehen haben, gerochen den süßsauren Fettdunst und den nach Chemie-Pudding, mitgemacht eben. Spüren. Erleben. Bösartige und liebe Arbeiter-Frauen auch. Das sowieso. Und dann die ewige Angst von den Kindken. Schwanger-Werden, rausfliegen. Aber denn mal chanz von voorne, chuut Lipper Platt:

Char nicht so ungern bin ich morgens um fünf mit den Facharbeitern im Bus zum Kesselbrink in Bielefeld gefahren. Ein glutheißer August, so wie es sie in Westfalen noch nie gab, Jahrhundertsommer haben es die Doofen inne Stadt genannt, die an Sommerbad dachten. Die Bauern ringsherum haben dreiviertel Getreideernte verloren, wie in der Steppe hat es ausgesehen, graufahl und glanzlos, die Bäume sind von oben her verdorrt und haben die Blätter wie kleine dürre Zigarrenrollen ins graue Moos geworfen, sogar unter den Heckenreihen waren die Bäche bis auf das Geröll ausgetrocknet, darin standen die Kühe und Pferde mit zuckenden Augen, um die Bremsen zu verscheuchen, ihre Köpfe hingen wie die unteren noch grünen Blätter der Bäume. Kaum ein Windhauch, und es reichte doch, um kleinste Funken weggeworfener

Zigarettenkippen zu entfachen. Es lag noch viel mehr Glasmüll herum als heutzutage, die Sonne war ein Brennglas, das schwelte und schnell warfen sich Flammen durch die Dürre. In der Schule las Rektor Angermann mit seinen Schülern "Die Regentrude" und die I-Männeken leierten im Bittgottesdienst am Sonntag den Vers: "Bunt ist die Welle, Staub ist die Quelle. Stumm sind die Wälder, Feuermann tanzet über die Felder! "

Nix wußte man von Klima-Anlagen und Ventilatoren. Hitze konnte ich nie gut aushalten. Ausgerechnet in diesen Sommerferien war ich sechzehn und durfte erst dann, weil es vorher Kinderarbeit war, als Werkschülerin arbeiten, bei SUM, das war die Keks- und Zwiebackfabrik Strathmann & Meyer in Bielefeld. Von der Endstation die August-Bebel-Straße drei Kilometer lang laufen, gleich vom Kesselbrink mit den vielen roten, blauen und gelben Bussen aus dem Umland, die Tausende von Facharbeitern in die Industriestadt karrten. Die Männer in die Stahlverarbeitenden Werke wie Anker, Phoenix und Dürrkopp. Die Frauen und Mädchen in die sogenannten Frauen-Leichtlohn-Werke, sehr viele produzierten Textilien und Lebensmittel. Morgens im Bus war es noch leidlich kühl, zwar hing der Zigarettenrauch von gestern lauwarm zwischen den pappigen Metallwänden des Nachkriegsbusses und in den glitschigen Sitzen. Die Arbeiter dösten, ich war bange.

Schon am Abend danach nicht mehr, nur müde. Alles war an diesem August-Montag, meinem ersten Fabriktag im Leben, fremd, die langen Fließbänder mit den heißen Keksen, der Geruch von warmem Fett und Zucker, alles klebte in der fettig-süßlichen Luft, nur die grauen immer nassen Handtücher rochen sauer. Du, sagte der Pförtner, wohin willste denn? Alle Menschen sprachen nicht so wie die in der Schule, bewegten sich anders, redeten anders. Plattdeutsch konnte ich aus dem großen Industriedorf verstehen, ihre Art kannte ich aber doch nur nach Feierabend; da waren sie anders. Ich gehörte dazu, und auch noch nicht. Zuerst hatte man mich zwischen zwei Frauen gestellt, und ich mußte so schnell wie sie handgroße sogenannte Schweine-Öhrchen aus Blätterteig in Schachteln packen. Weil das gut ging, schoben sie mich von ein hüttengroßes Eisengetüm, aus dessen halbrundes Ofenloch knirschend Reihen von Zwieback ruckten und auf dem Förderband schnell umfielen. Man ging am besten nah heran und packte sie stehend, griff und verstaute sie in Silberschachteln. Das tat ich artig, die Augusthitze mischte sich mit der Ofenglut, ich grapschte und grapschte immer rasender, die Schlangen fuhren immer heißer aus dem Maul, sie schraubten sich, drehten mich und irgendwie fiel ich wohl um. Lag zwischen zwei Schürzenschößen, nassen Lappen auffer Stirn. "Keerl Keerrl, die Lütte ist umchekippt. Wer hätte auch chedacht, datt die datt durchhält. Sollte se doch char nich! " Aber seitdem hatte ich lauter deftige liebe Mütter, die ihre "dünne Lütte"  mit Johannisbeeren außem Garten und leider auch mit Rollmops verwöhnten. Denn alles, wat süß iss, das mochte dort keine mehr. Auf meine Weise gehörte ich dazu.

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