Fixpoetry

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Text des Tages

Scharbockskraut

Reddehausen. Am Waldrand hinsetzen und geradeaus sehen, rundherum, bis zur Amöneburg weit. Nah Baumpilze, Wildkirschen, SternMagnolien "lilienweiß ganz ohne Schaden". Weiter laufen durch die Dorfstraße, in den Vorgärten biegen sich wippend im Wind die dünnen Zweige der Brautspiere über die Zäune, wegen ihrer weißen Blütendolden haben wir sie bei Kommunionfeiern und Taufen der vielen Geschwister als Tischschmuck auf die weißen Leinendecken gelegt, die kleinste Schwester Coleta hat einen Zweig genommen und als Kränzchen zwischen ihre kastanienbrauen Locken gelegt. Der dunkelviolette Flieder bei Ritterbuschs blüht wenig, meist Knospen, wir gehen immer weiter und auf den Wiesen blühen so früh im Jahr Wiesenschaumkraut, blauweißlich, Frauenmantel gelbgrün zwischen den gefächerten Blättern, Madonnen- mäntel der mittelalterlichen Tafelmalerei gaben den Namen. Burgwald bei Marburg, Buchenwald, der Boden dicht bedeckt vom handhohen Lerchensporn mit lila Blütenröhrchen, pergamentweißen Blütensternen der Buschwindröschen, spitze, gelbe Blüten des Scharbockkrauts, Name nach der Heilwirkung, wegen der Vitamine gegen Skorbut.

Pflanzen, Blumen, Wissenschaften, Substanzen. Erinnerungen, am liebsten immer wieder an Liebe. Vor vielen Jahren bin ich zwischen Pflanzen spazieren gegangen, mit Walter. Gerade war ich in den Schriftstellerverband eingetreten, es gab damals richtige Dichter aus feinen Verlagen und Wissenschaftler, Kurt Mautz, Wolfgang Weyrauch. Und Walter E. Richartz. Von allen Pflanzen kannte er die Substanzen, besonders leidenschaftlich hat er gesprochen, mit bebender Stimme von der jungen Wissenschaftlerin mit tödlicher Krankheit und wehen-artigen Krampfschmerzen. Doppelte Créativité, Dichter und Wissenschaftler sind da gleich besessen, Verzweiflung, Not, Schmerz machen mehr als Musenküsse. Flupirtin, Katadolon hat für die Firma Asta Medica AG  in Frankfurt am Main entwickelt der Chemiker Walter von Bebenburg, der bekannter wurde als Schriftsteller unter seinem Pseudonym. Walter E. Richartz. Watteweiße watteweiche Haare um ein Gesicht mit zupackend schauenden grünblauen Augen.

Scharbockskraut und Spiere für die Braut
Mit Schierling, Frauenmantel, Wein gebraut.
Ich schluck den Saft und schon nach Stunden
Hab ich mich wie im Paradies gefunden
Nein, sagt er, du bist nicht im Rausch,
doch nach soviel Jahren ohne Schmerz,
spürst du wie linde Winde, laue Lüfte,
Haut und Haar und Hirn und Herz.
Leben mit Sehen, Hören, Spüren, Bebe
Bis von der Schmerzensfessel frei:
Arme breiten,  durch Wiesen gleiten,

Vor der Kapelle pflückt der schöne Pfarrer Flieder
Anlächeln:    "Die Erde hat mich wieder".

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