Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Erinnerung an meine Jugend (oder: Was ich über Cai weiß)

Cai Cassuben ist ein höflicher Mensch. Ich lernte ihn 1995 als Freund von Ale- xander Posch kennen. Alexander und ich planten damals den Laolaclub. Der Laolaclub war eine Bühne für Musiker, Schriftsteller und Künstler. Eine Zeit lang tauchten wir überall auf und sprachen in angetrunkenem Zustand Mitglieder von Bands und Autorinnen an, um sie von Auftritten für wenig Geld zu überzeugen. Unsere Augen leuchteten dabei wie die Taschenlampen.

Alexander Posch ist alles andere als ein höflicher Mensch. Er ist laut, fusselig, assoziativ. Liebenswert vielleicht. Beginnt man ein Gespräch über Sommerurlaube, endet man bei der Großproduktion von genmanipuliertem Mais, und zwischenzeitlich hat man zwei Stunden über seine Kinder gesprochen. Das heißt, er hat gesprochen.

Ganz anders Cai. Cai sprach gewählt und mit Bedacht. Ein feiner Mensch mit leiser Stimme. Schon äußerlich etwas Besonderes. Bereits als ich ihn kennenlernte, hatte er weiße Haare, ein bleiches Gesicht, große rote Augen, die er mit Kontaktlinsen grau eingefärbt hatte. Stets hing ihm eine weiße Locke über die Lippen. Cai war schmächtig, ein dünner Mann. Man mochte ihn nicht im Wind oder Regen stehen lassen, man hatte Angst, er würde beschädigt.

Ich lernte ihn im Café Puschkin kennen, wo er in Alexanders Schatten saß und in einem dünnen Büchlein blätterte, Dada aus dem Koffer, das ich mir später ausleihen sollte und das sich heute noch in meinem Besitz be- findet (aber ich weiß nicht, wo). Alexander und ich schlugen uns zur Begrüßung ins Gesicht und auf die Schultern, wir umarmten uns und lachten laut und riefen Parolen, wir bestellten Schnäpse, und Cai sagte leise mit schüchterner Stimme, hallo, und verzog sich wieder ins Buch-Exil. Er gefiel mir sofort, er sah so schön aus. Cai sieht aus, wie man sich Käsekuchenmenschen vorstellt. Man sieht gleich, dass sein Inneres weich ist, süß und nahrhaft, und sollte einmal eine Hungersnot ausbrechen, könnte man sich wochenlang von ihm ernähren und hätte ständig Endorphinausschüttungen. Ich hätte ihn mir gut als Vater meiner Kinder vorstellen können, hätte ich nicht selbst Vater meiner Kinder werden wollen. Alexander sagte, das heißt, er brüllte: Der ist Architekt! Der macht Schachteln! Der ist Künstler, aber traut sich nicht richtig! Tags sitzt der in einem Büro und zeichnet die Zeichnungen seiner Chefin gerade!

Cai sagte nichts dazu, er lächelte fein. Später sollte er in einem Brief Alexander als groben Menschen mit schö- nen  Augenbrauen bezeichnen.

Ich schloss mich den beiden an, wir gingen zu einer Galerieeröffnung in der Taubenstraße, und dort hat mich Cai noch am selben Abend geküsst oder ich ihn, wir waren betrunken, der einzige Mann, von dem ich jemals geküsst worden bin oder den ich jemals geküsst habe. So zurückhaltend er sonst war, so zupackend verhielt er sich an diesem Abend. Die Qualität des Kusses kann ich nicht beurteilen, ebenso wenig die Qualität der ausgestellten Kunst. Mir schien, es fehle etwas. Es fühlte sich an wie das Rühren von Rührstäben in nicht aufgegangenem Teig.

Ich wohnte damals in einer Villa am Stadtrand, zwölf Zimmer, bewohnt von ähnlichen Nichtsnutzen. Cai war oft zu Besuch. Dann saß er auf dem Kunstledersofa der Gemeinschaftsküche und rauchte eine Slim-Line-Zigarette nach der anderen. Oder er hielt sich im Keller auf, wo die schöne Fotografin wohnte in dem Zimmer mit den schwarz lackierten Dielen, mit der er sich über richtiges Sehen unterhielt. Oder wir lagen zu dritt auf dem breiten Bett von Nicole und schauten uns alle Twin-Peaks-Folgen hintereinander an, alte VHS-Cassetten, anstatt zur Uni zu gehen. Ich glaube, dass Cai und Nicole miteinander geschlafen haben. Aber ich bin nicht sicher, ich war zu weit weg, in Twin-Peaks.

Überall tauchten wir zu dritt auf, Alex, Cai und ich. Wir waren die legendären Laolas, und Cai war einer von uns. Im Club standen Alex und ich auf der Bühne, die Worte wurden uns von oben eingegeben, strahlende, schöne Worte, wie man sie seither nie wieder aus unseren Mündern vernommen hat. Die Leute saßen erst mit ver- kniffenen Gesichtern da, später öffneten sich die Züge, sie ächzten erst, dann begannen sie zu strahlen, schließ- lich zu schweben. Wir tanzten bis in den frühen Morgen. Wir traten in Uniformen und Kostümen auf, wir mode- rierten als Gendarmen, als Touristen, als Käse. Und Cai saß streng am Empfang und strich von den Leuten das Geld ein, er sagte immer: Gesichtskontrolle, Gesichtskontrolle. In dieser Zeit erschienen wir als die heiligen drei Könige, trieben wir uns nachts in der sogenannten Szene herum. Wir nannten uns Bernd, Dirk und Jochen, aber ich weiß nicht mehr, wer wer war. Wir trugen diese musketierartigen Spitzbärte, und bei Cai sah es aus, als würde ihm feuchter Schnee am Kinn kleben. Draußen trugen Alex und ich Trainingsjacken, Cordhosen, Puma-Turnschuhe. Wir sahen aus wie Grundschule, nur unrasiert und einen Meter größer. Cai trug Leinenhosen und gebügelte Hemden, hin und wieder ein Jackett. Wir zogen durch die Straßen, Alex und ich tranken Bier aus 5-Liter-Kanistern mit Strohhalm, wir grölten, wir übten uns in automatischem Sprechen, wir schrien, wir bliesen Manifeste in den Nachthimmel, wir hielten uns im Arm, und Cai hatte eine Thermoskanne Tee dabei. Er konnte das kunstgeschichtlich alles genau einordnen, er  sagte uns in vorwurfsvollem Ton, wann das schon einmal da gewesen sei, dieses Rumgegröle und Gesaufe, er nannte französische und amerikanische Namen plus Jahreszahlen. Alles konnte er belegen, beweisen. Wir kamen uns nichtig vor, aber das machte nichts, wir tranken dagegen an und brüllten nachts um drei in der Silbersackstraße so laut, dass der unbesternte Nachthimmel fahl wurde.

Einmal haben wir im Sommer gemeinsam ein Dach gedeckt. Mit einem Auto voller junger Menschen sind wir in die Uckermark gefahren. Dort lebte ein Kollektiv mittelalter Künstler aus Berlin, teilweise mit großen Brillen, Glatzen, roten Haaren unter Hüten, die sich den Resthof, den sie zwecks gemeinsamen Schaffens erworben hatten, nicht leisten konnten. Ein Dach war kaputt. Alexander war mit einem der Glatzenkünstler befreundet. Und einer von uns, einer aus der Bande, war zufällig Dachdeckermeister und Fachleiter geworden, er nahm uns mit, obwohl wir nichts konnten als reden und reden und vorlesen. Wir saßen im Auto mit korngelben Augen. Ein tief liegendes, ausgeliehenes Auto mit Musik aus den Fenstern, die man Jahrzehnte später noch im Ohr hat. Staubfahnen unter sommerlichen Alleen, in den Dörfern getigerte Katzen in geöffneten Türen. Rotgesichtige Dicke mit Angelruten und Bierflaschen vorm Konsum. Und jeder von uns saß im Auto auf drei dicken Romanen. Kopfsteinpflasterstraßen. Und Cai ordnete jedes Haus in jedem Dorf einer architekturhistorischen Epoche zu. Einfamilienhaus, frühe 60er, Waschbeton, Teerpappenflachdach im Stil des späten Rembacher-Sülker, er zeigte mit dem langen Finger mit dem schwarz lackierten Nagel. Und wir lächelten verträumt, die Haare im Wind. Wir lächelten und lernten so viel in diesen Tagen.

Wir hatten damals ein Mädchen dabei, schön wie ein Reh, große Augen, zitternde Flanken, wir waren alle ver- liebt, obwohl oder weil sie die kleine Schwester einer unserer Verlobten war. Wir legten noch eine Schippe drauf in unseren Brennöfen, Wortakrobatik, Gedankenspiele, Mitmachmagazine. Und in Templin spielten wir Boules auf dem staubigen Dorfplatz, anschließend kauten wir Hartwürste von Bauer Pomenke.

Keiner außer dem einen hatte jemals ein Dach gedeckt. Wie bekamen kein Geld, aber es wurde Soljanka gekocht, und abends durften wir Bier trinken und barfuß im Wildgarten stehen und in Sternschnuppenschauern baden. Wir schliefen auf dem Dachboden eines Nebengebäudes auf einem Matratzenlager. Tags kletterten wir in die Sommerhitze des Daches hinaus, pfiffen mit den Schwalben, warfen uns Eiswasserflaschen zu, und dann ging es los, wir arbeiteten wie eine Maschine. Wir kamen uns vor wie Exemplare aus dem Echte-Männer-Katalog, endlich, nicht mehr nur Verträumte, verweichlichte Poeten, denen auf der Straße hinterhergelacht wird. Wir lie- ßen Ziegel um Ziegel von Hand zu Hand gleiten, hinab vom Dach auf die Erde, wo einer zweimal dagegen pustete und die Dinger wieder hinaufreichte. Wir lernten Begriffe wie Lattung und Konterlattung. Wir lernten mit Hammer und Nagel umzugehen. Wir lernten die richtige Schnürung. Und während wir auf dem Giebel schufteten, saß Cai als studierter Architekt unten in der offenen Tenne vor einem Glas Pfefferminztee. Oder er saß im Schatten eines Maulbeerbaums im Liegestuhl und fertigte Schachteln und Synokryme. Ein Synokrym bestand manchmal nur aus einem Satz: Der Tropfen feucht auf meiner Haut wie Tau, betrachte ihn genau.

Und das Dach sah hinterher wie neu aus.

Abends stiegen wir verschwitzt und schmutzig in den nahen See. Nur Cai blieb am Ufer, saß auf seiner Wollde- cke. Seine nackten Füße, der einzig unbekleidete Körperteil, leuchteten weiß durch die Dämmerung, ein Signal, ein Leuchtfeuer für uns, die wir in die Dunkelheit hinaus- trieben, damit wir zurückfanden, damit wir nicht ver- schwammen.

Das letzte Mal habe ich Cai am 27. August 2005 gesehen. Ich hatte ihn in seiner Zweizimmer-Backsteinwohnung gegenüber dem Ohlsdorfer Friedhof besucht. Im Nachhinein kommt mir die Wohnung an jenem Tag sonder- bar leer vor, Cai selbst aufbruchbereit. Aber die Woh- nung war immer leer, gewöhnlich standen nur Schachteln in allen Größen herum, Kisten, Kartons, und an den Wänden hingen Amulette. Wir setzten uns auf den Balkon und starrten auf den Kanal, Cai rauchte Zigaretten und blies in den Tee. Er sagte: Hier oben hört die Stadt auf, die eigentliche Stadtbebauung. Deshalb wohnte ich hier. Das alles wurde von Fritz Schuhmacher so geplant, bis hier oben, bis zum Ohlsdorfer Friedhof und dem Punkt, ab dem die Alster nur noch ein schlammiges Flüsschen ist, hier schließt sich die urbane Spange, dahinter nur noch Dörfer. Dieser rote Backstein hier, das ist das rote Blut der Stadt. Deshalb saß ich jahrelang hier und hielt Wache. Wenn man so will, war ich der Hüter des Urbanen. Ich achtete darauf, dass das Dörfliche nicht durchbricht.

Ich wusste nicht, ob er es ernst meinte, gelächelt hat er jedenfalls nicht bei diesen Worten, aber Lächeln sah bei ihm ohnehin meist aus wie Mimikworkout.

Irgendwann erhob er sich und sagte, tschüss, du musst jetzt gehen. Er selbst nahm sein Köfferchen und schloss hinter uns die Tür zu. Den Schlüssel legte er unter die Fußmatte. Aber das tat er immer. Ich selbst ging zum Ohlsdorfer Bahnhof, und ihn sah ich zwischen zwei späten Sonnenstrahlen auf dem Friedhof verschwinden. Jahre später habe ich noch einmal eine E-Mail von ihm erhalten, aber da verlangte er nach irgendeiner Informa- tion, einer Auskunft, und es lag nichts Persönliches in seinen Zeilen. Ich will nicht sagen, dass ich enttäuscht bin. Er ist weg, und er wird seine Gründe haben. Ich bin nicht sicher, ob ich ihn wirklich gekannt habe.

Er hat uns Synokrym hinterlassen, seine Schachteln. Im Grunde ist es ein Rätsel. Ich vermute, dass man den realen Cai aufschrauben kann. Und dann befindet sich im Hohlraum ein kleinerer Cai mit weißen Haaren, den man aufschrauben kann, und in diesem Cai  ein  kleinerer Cai und so weiter bis ins Unendliche. Unendlich viele, unendlich kleine Cais. Vermutlich löst man, wenn man weiter und weiter schraubt, nicht nur sein, sondern alle Rätsel  des Universums.

Auf Wiedersehen, Cai, du weißer Reiter. Scheine, Cai, scheine.

 

Aus: Ziegel 15 ·  Hamburger Jahrbuch für Literatur 2017 · herausgegeben von Jürgen Abel · Antje Flemming ·Wolfgang Schömel · Dölling und Galitz Verlag Juni 2017

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