Text des Tages

Unser Städtchen brennt

Es brennt! Brüder, ach, es brennt!
Oh, unser armes Städtchen, wehe, brennt!
Feuerstürme jagen, gieren,
reißen, brechen und entfachen
stärker noch die wilden Flammen,
schon alles ringsum brennt!

Und ihr steht und guckt und gafft nur
mit verschränkten Händ’,
und ihr steht und guckt und gafft nur –
unser Städtchen brennt …

Es brennt! Brüder, ach, es brennt!
Oh, unser armes Städtchen, wehe, brennt!
Es haben schon die Feuerzungen
das ganze Städtchen gar verschlungen –
böse Feuerstürme tosen,
unser Städtchen brennt!

Und ihr steht und guckt und gafft nur
mit verschränkten Händ’,
und ihr steht und guckt und gafft nur –
unser Städtchen brennt …

Es brennt! Brüder, ach, es brennt!
Oh, es kann – Gott behüte – kommen der Moment:
unsere Stadt mit uns zusammen
wird zu Asche in den Flammen,
bleiben werden wie nach ’ner Schlacht,
nur wüste, schwarze Wänd’!

Und ihr steht und guckt und gafft nur
mit verschränkten Händ’,
und ihr steht und guckt und gafft nur –
unser Städtchen brennt …

Es brennt! Brüder, ach, es brennt!
Die Hilfe liegt allein in euren Händ’,
wenn das Städtchen ist euch teuer,
greift die Eimer, löscht das Feuer,
löscht mit eurem eignen Blut,
beweist, dass ihr das könnt.

Steht nicht, Brüder, nur dumm herum
mit verschränkten Händ’,
steht nicht, Brüder, löscht das Feuer –
unser Städtchen brennt!

*

undzer shtetl brent

s’brent! briderlekh, s’brent!
oy, undzer orem shtetl nebekh brent!
beyze vintn mit yirgozn
raysn, brekhn un tseblozn
shtarker nokh die vilde flamen,
alts arum shoyn brent!

un ir shteyt un kukt azoy zikh
mit farleygte hent
un ir shteyt un kukt azoy zikh –
undzer shtetl brent …

s’brent! briderlekh, s’brent!
oy, undzer orem shtetl nebekh brent!
s’hobn shoyn di fayer-tsungen
dos gantse shtetl ayngeshlungen –
un di beyze vintn huzhen,
undzer shtetl brent!

un ir shteyt un kukt azoy zikh
mit farleygte hent
un ir shteyt un kukt azoy zikh –
undzer shtetl brent …

s’brent! briderlekh, s’brent!
oy, es ken kholile kumen der moment:
undzer shtot mit undz tsuzamen
zol oyf ash avek in flamen,
blaybn zol – vi nokh a shlakht,
nor puste, shvartse vent!

un ir shteyt un kukt azoy zikh
mit farleygte hent
un ir shteyt un kukt azoy zikh –
undzer shtetl brent …

s’brent! briderlekh, s’brent!
di hilf iz nor in aykh aleyn gevendt.
oyb dos shtetl is aykh tayer,
nemt die keylim, lesht dos fayer,
lesht mit ayer eygn blut,
bavayzt az ir dos kent.

shteyt nit, brider, ot azoy zikh
mit farleygte hent.
shteyt nit, brider, lesht dos fayer –
undzer shtetl brent!

(Transkription und Übersetzung von Uwe von Seltmann)

Erschienen in: Uwe von Seltmann: Es brennt. Mordechai Gebirtig, Vater des jiddischen Liedes. Homunculus Verlag, November 2018
 

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