Fixpoetry

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Text des Tages

Auszug aus: In kleinen Schlucken

Ich esse nicht mehr. Seit dem dritten März. Es geht ganz einfach, macht keine Beschwerden. Ein bisschen Kreislaufprobleme, manchmal. Sonst nichts. Ich kaue auf meinen Lippen, bis sie bluten, und kann es jedem erzählen. Dass ich nicht mehr esse. Da staunen sie dann. Und werfen seltsame Blicke. Zuerst haben sie gesagt, dass es mir guttäte. Da hatte ich vier Kilo verloren. Meine Lieblingshose passte wieder. Ich war auf dem besten Wege, die Zeit zurückzudrehen. Ich wurde wieder vierzehn, ich wurde dreizehneinhalb. Aber ich muss noch ein Stückchen weiter zurück.

Die Schwester meines Vaters hat einen Hundesalon. Sie sorgt dafür, dass die Hunde von geruchsempfindlichen Hundebesitzern gut riechen. Außerdem verkauft sie alberne Mäntelchen und Schleifchen, die modebewusste Hundebesitzer ganz reizend finden, und sie macht weißen Pudeln grüne Tupfen ins Fell. Mein Vater schickt mich manchmal zu ihr, zum Aushelfen. Mit fünfzehn bist du alt genug dafür, findet er. Die Schwester meines Vaters legt die Arme um mich, wenn sie mich begrüßt. Sie riecht wie die Hunde, die in ihren Salon gebracht werden; wie eine Mischung aus Hund vorher und Hund nachher, feucht und parfümiert, aber immer noch nach Tier. Mein Gott, Kind, bist du dünn geworden, ruft sie heute und fingert an meinen Schultern herum. Eine Dame mit beschleiftem Chiwawa  nickt zustimmend, obwohl sie mich vorher noch nie gesehen hat.

Ich habe der Frau meines Vaters neulich gesagt, dass ich den Hundesalon lächerlich finde. Sie hat verärgert geschaut und gemeint, die Schwester meines Vaters hätte wenigstens etwas aus ihrem Leben gemacht. Im Gegensatz zu ihr selbst, sollte das heißen. Denn sie hat früh geheiratet und zwei Kinder bekommen, obwohl sie lieber Hotelfachfrau geworden wäre.

Der Heimweg. Ich fahre mit dem Rad und versuche, nicht herunterzufallen. Auf dem Schotterweg, der vom Hundesalon wegführt, bricht das Vorderrad aus, der Lenker reißt an meinen Handgelenken. Ich bin den Weg schon hundert Mal entlanggefahren, und mit jedem Mal fällt es schwerer, nicht zu stürzen. Das Radfahren hat mir der Sohn meines Vaters beigebracht. Er findet es blödsinnig, dass ich nicht mehr esse.

Ich betrachte meine Hände, die auf den Griffen des Lenkers liegen. Die bläulichen Adern, die sich unter der Haut am Handrücken wölben, treten deutlich hervor. Sie winden sich ein bisschen wie Regenwürmer, wenn ich die Finger bewege.

Mein Vater trinkt den Wein in kleinen Schlucken. Ich sehe ihm dabei zu. In seinem Mundwinkel glänzt es rot. Er wischt mit dem Handrücken darüber. Die Frau meines Vaters schweigt und serviert Minifrikadellen, die aussehen wie Hundekuchen. Während die anderen kauen, halte ich hin und wieder die Luft an. Beim Luftanhalten höre ich die Kaugeräusche um mich herum intensiver, das Herumwälzen von Nahrung und Spucke in den Mündern. Es klingt eklig, und der Ekel hilft gegen das, was ich früher Hunger genannt habe. Heute hat es keinen Namen mehr, weil Hunger sich falsch anhört; dieses Wort mit dem hohlen Klang, der wie ein schwarzes Loch im Weltall alles in seiner Reichweite Liegende unkontrolliert verschlingt. Geh und mach deine Hausaufgaben, wenn du schon nichts essen willst, sagt mein Vater.

Zuerst habe ich es mit Waschen versucht. Habe mir die Hände gewaschen, wann immer ich etwas angefasst hatte, das zuvor von anderen angefasst worden war. Es ist unglaublich, wie viel DNA von irgendwelchen Fremden man im Laufe der Stunden aufsammelt und als Anhaftung mit sich trägt wie eine Biene die Pollen an ihren Beinen. So viel fremde DNA macht den eigenen Körper schwer. Das Waschen hilft, kann einen aber nie unbeschwerter machen, als man selber ist. Es führt zu nichts, oder jedenfalls nicht zu genug, deswegen habe ich es wieder auf ein normales Maß reduziert. Und nach einer Alternative Ausschau gehalten. Die Alternative hieß: dichtmachen. Ich habe den Mund geschlossen. Ihn nur noch hin und wieder geöffnet, um Wasser zu trinken, und das auch bloß deshalb, weil es den ganzen Müll rausspült, der noch im Innern ist. Zumindest halbwegs. Manches löst sich so schwer. Vor allem an ein paar Stellen im Kopf bleibt ein Belag haften, der die DNA der gesamten Weltbevölkerung zu enthalten scheint. Um ihn zu entfernen, braucht es mehr als Wasser.

Der Hundesalon ist am nächsten Tag gut besucht. Es gibt Stammkunden, die jede Woche eine neue Farbe für die Tupfen ihres Vierbeiners wollen. Die Mode ändert sich so schnell, seufzt eine noch recht junge Frau, die ihren Mann in den Salon mitgenommen hat. Er fühlt sich in dieser Umgebung sichtlich unwohl. Ich drapiere ein pinkfarbenes Hundeschleifchen auf meinem Kopf und ziehe eine Grimasse, in einem Moment, in dem nur er es sehen kann. Da lacht er und fühlt sich besser. Die anderen gucken verwirrt und widmen sich dann wieder ihren  Modediskussionen.

Der Mann sagt, er würde gern ein bisschen frische Luft schnappen. Ich sage, ich mache Mittagspause. Er wartet draußen auf mich, wir gehen nebeneinanderher und sind froh, dass da einer ist, der den Mund hält. Hinter einer Gruppe halbwüchsiger Birken küsst er mich. Ich halte den Mund geschlossen.

 

Aus: Ziegel 15 ·  Hamburger Jahrbuch für Literatur 2017 · herausgegeben von Jürgen Abel · Antje Flemming ·Wolfgang Schömel · Dölling und Galitz Verlag Juni 2017

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