Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Dann seht ihr das Meer

„Wir sind da.“

Zwischen mir und dem Haus ist nur die Scheibe.

Es ist gewaltig.

Keine Fassade, nur Treppe und im ersten Stock eine Eingangstür, davor eine kleine Terrasse, am Himmel dahinter ist Sommer.

Ich sitze hinter meinem Vater, noch angeschnallt, er hupt.

Er hupt noch einmal.

Die Tür öffnet sich und

ein Gesicht nach dem anderen, die Treppe wird voller, sie füllt sich von oben nach unten, in einem Guss laufen sie hintereinander auf uns zu, schwarze Haare und bunte Kleider. Sie rufen, ich sehe es an ihren Gesichtern, sie winken, ihre Arme sind überall, nur nicht am Geländer, die Treppe zwischen mir und ihnen wird immer kleiner, aus ihr werden Menschen, Bewegung, ich sitze noch immer, angeschnallt, sie werden größer, mein Vater ruft, ich kenne sein rufen, er freut sich, er öffnet die Tür, ich höre sie alle, sie haben Stimmen, meine Mutter atmet, öffnet die andere Tür, ich sitze noch da, ich bin angeschnallt, ich schließe die Augen.

Eine Faust klopft an die Scheibe, das Gesicht meines Vaters schiebt sich dazu, er öffnet meine Tür, es kommen Hände herein, es kommen Stimmen, es kommen Rufe, sie sagen meinen Namen, wo ist meine Mutter, sie haben schwarze Haare und bunte Klamotten, eine Hand schnallt mich ab, ich steige aus, langsam, im Meer an Händen und meinem Namen, hinter ihnen das Haus, es ist gewaltig, es hat keine Fassade, sie sagen meinen Namen, sie sagen meinen Namen und „moja“ dazu, meine, das sagt sonst meine Mutter, und mein Vater, ich sehe den Sommer vor lauter Köpfen nicht mehr, ich habe Hände im Gesicht, ich habe mein Gesicht an Körpern, ich habe Finger in den Haaren, wo ist meine Mutter, was aus der Tür geströmt war, zieht sich zurück, zieht mich mit, dieses mal, ich nehme die Stufen, mein Name, ich höre überall meinen Namen, sie lachen, ich habe Hände in den Haaren, die Stufen sind gewaltig, ich nehme eine, stelle einen Fuß auf sie, alle strömen zur Tür, schieben mich von irgendwelchen Seiten, sie lachen, wo ist meine Mutter, sie lachen und „wie groß du bist“ und „weißt du, wer das ist“ und „weißt, du wer das ist“, ich nehme eine Stufe, „das ist Tante L“, „das ist Tante D“, ich stelle den anderen Fuß daneben, „ich bin Onkel P“, ich habe Hände in den Haaren, „moja“, „wie groß du bist“ und mein Name, ich nehme noch eine Stufe und sie lachen.

Es gibt keine Stufen mehr. Wir sind oben. Ich höre meinen Namen noch einmal, und „das ist Onkel B“ und „das ist Tante K“ und am Ende, „das ist Oma“, „erinnerst du dich“ und „du warst so klein“ und Hände dazu und „wie groß du bist“, ich habe Hände in den Haaren, das Haus ist gewaltig, es ist heiß, sie lachen, zwischen ihnen, schwarze Haare und bunte Kleider, da ist meine Mutter, sie lacht und hat Hände im Gesicht. Dann lache ich auch.

Mein Vater hatte uns vom Kindergarten abgeholt. Er hatte uns nie vom Kindergarten abgeholt. Wir freuten uns so. Er fuhr uns in die Eisdiele, es tropfte uns übers Gesicht und „Kinder“ und „wir fahren runter, Kinder“ und „der Krieg ist vorbei“ und es lief alles an meiner Waffel entlang und „bald fahren wir runter, dann lernt ihr alle kennen“ und „dann seht ihr endlich das Meer.“

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