Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

Als Tante Emilia einzog

Dort liegen zwei benutzte Taschentücher auf seinem Nachttisch. Dort steht eine Duftkerze, Lavendel, weil er neuerdings hofft, er könne mit dem Geruch besser schlafen. Ein Glas, das sich nie leert, aber von dem er besteht, es auf dem Nachttisch zu haben. Vielleicht bekomme er ja doch noch Durst. Irgendwann. Auf seinem Nachttisch steht ein Stapel von Büchern, die er noch nicht gelesen hat, die er nie lesen wollte. Effi Briest, Die Schachnovelle, Jane Eyre – Klassiker, von denen er sich fernhielt und ganz plötzlich ist Jonas der Meinung, dass er das alles gelesen haben muss. Ganz plötzlich möchte er Bildungslücken füllen. Angerührt hat er die Bücher nicht. Sie liegen einfach dort, seit fast drei Wochen. Früher befand sich auf seinem Nachttisch eine kleine Glasvase mit Silbergarbe, den weißen griechischen Blüten. Vier Stück, die er sich im Garten abschnitt und immer nach einer Weile gegen neue austauschte. Ich habe ihn einmal gefragt, weshalb er das tue. Er zuckte nur mit den Schultern und meinte, dass seine Mutter das immer so gemacht habe, und dass er das beibehalte. Es läge wohl in der Familie.

Nach der Diagnose entfernte er die Vase. Und die Blumen. Ich fragte ihn nicht warum.

Als er damals wie aus dem Nichts bemängelte, er könne nicht mehr so gut sehen, ich daraufhin schmunzelte und meinte, es läge bestimmt an seinem Alter. Jonas ist ja älter als ich und das war immer ein Witz bei uns. Dass er körperliche Leiden habe, weil er über 30 ist und ich gerade mal Mitte 20. Als er dann nach einigem Hin und Her -, Jonas versuchte immer Ärzte zu meiden, doch zum Augenarzt ging, ihn dieser weiter zum Neurologen schickte und er dann die Praxis verließ, mit einer Diagnose, seinem Stempel -  seitdem habe ich das Gefühl mit einem scheuen Hund zusammenzuleben. Ich warte auf jede zutrauliche Geste seinerseits und hoffe, dass er sich mir wieder annähert. Ich warte ab. Beobachte ihn. Warte.

Jonas und ich sitzen auf dem Balkon. Ich trinke Kaffee, er besteht auf eine warme Tasse Milch mit Honig.

Auf der Straße erblicke ich eine Frau mit ihrem Sohn. Er wird sechs oder sieben Jahre alt sein und tollt herum, spießt mit einem Ast gegen die Hausfassade. „Schau, Mama, schau“, ruft er. Das Gesicht der Mutter sehe ich nicht, nur ihre, zu einem strengen Zopf gebundenen Haare. Sie sieht müde aus. Zum ersten Mal ist da dieser Gedanke in mir. Dass auch ich einmal Mutter sein könnte. Ich frage mich, ob es falsch ist, dass ich jetzt, ausgerechnet jetzt, ans Kinderkriegen denke.

„Ich finde, wir sollten umziehen“, sagt Jonas. Und weil ich nichts darauf erwidere, sagt er: „Tanja von nebenan hat mich gestern so mitleidig angeschaut. Ich hab keinen Bock darauf, dass mich unsere Nachbarn schräg ansehen.“

Ich möchte sagen, dass sich an der Neugierde der Nachbarn nichts ändern wird, nur, weil wir wegziehen, doch ich sage nichts. Er trinkt noch einen Schluck und geht in die Küche. Ich beobachte ihn, wie er die Spülmaschine einräumt. Wie er dabei den Kopf zur Seite legt und sich kratzt. Wie er die Spülmaschinentür unsanft schließt, mit zwei Versuchen, damit das Schloss einrastet. Wie er auf die Wanduhr schaut. Wie lange wird er das alles noch können?

Drei Wochen, nachdem wir uns kennen gelernt hatten, saßen wir in einer Bar. Er trug ein blaues Hemd und ich erinnere mich genau, wie ich mir damals dachte, dass er ein Spießer sein musste. Nur Spießer trugen solche Hemden. Dann bestellte Jonas viermal Pfefferminzschnaps.

Ich erinnere mich daran, dass draußen vor der Tür jemand Saxophon spielte, tiefe dunkle Töne, die in den Raum drangen. Er habe das Gefühl, sich durch Jazz besser an seine Kindheit erinnern zu können, sagte Jonas.

„Woran erinnerst du dich gerade?“

„An eine Beerdigung. Ich weiß nicht einmal, wer gestorben ist. Ich weiß aber noch, wie die Frauen vor dem geöffneten Sarg knieten und ich erinnere mich an ihr Schluchzen. Ich erinnere mich daran, dass ich in den Sarg schaute und mich aber weigerte, in das Gesicht der toten Person zu blicken. Ich dachte, dass es Unglück bringen müsse. Ich sah nur die Hände, die mir klein vorkamen. Am Daumen ein Ring. Daran erinnere ich mich am Stärksten.“

Ich habe ihn damals ausgelacht, weil ich fand, dass es so pathetisch klang. So überdramatisch und unglaubwürdig. Und jetzt stelle ich es mir vor. Wie ich vor einem Grab stehe und auf einen Ring am Finger schaue. Und im Hintergrund ist das Saxophon zu hören, vermischt mit den Schluchzern verschiedener Frauen.

Ich presse das Telefon gegen mein Ohr und höre nur das tiefe Atmen meiner Mutter. Ich stehe vor dem Wäscheständer und sehe Jonas Pullover, seine Jeans, sein Handtuch, alles durchmischt mit meinen BH's, mit meiner Leggins, meiner Hose, meinen T-Shirts. Ein gemeinsames Leben hängt da am Wäscheständer vor mir.

„Du bist noch jung, Maja“, sagt sie irgendwann. „Du musst das nicht mitmachen.“

Jonas und ich gehen ins Bett. Er nimmt die linke Seite, ich die rechte. Wir treffen uns nicht mehr in der Mitte. Wir schlafen nicht mehr miteinander. Seitdem er seinen Stempel hat, war das unsere einvernehmliche Entscheidung, die wir nicht aussprachen. Ich weiß nicht, ob das mehr von ihm oder von mir aus kam. Ob ich Angst habe, oder er sich schämt. Jonas und ich gehen zu Bett, und manchmal rutscht er unter meine Decke, umgreift mich, atmet mir in den Nacken, bleibt. Er, der immer seine eigene Decke wollte, der immer sagte, er könne nicht atmen, wenn wir umschlungen einschlafen würden, er umklammert mich nun und ich lasse es zu. Ich habe mir einige Regeln gesetzt. Ich schlafe nicht vor ihm ein. Ich warte ab, bis seine Atmung tief ist, bis sein Körper schwer wird. Ich zähle dann seine Atemzüge. Mein Rekord war 94, weiter kam ich nie, weil sich dann meine Gedanken winden und drehen, sich von mir entfernen. Danach löse ich mich langsam aus der Umklammerung. Jonas schlief schon immer tief. Nicht einmal sein Stempel änderte das. Ich ziehe die Decke weg. Ich schaue auf seine nackten Beine, seinen nackten Körper. Ich schaue ihm zu, wie er sich schmatzend wegdreht. Sein ganzer Körper sieht gesund aus. Nicht verzerrt, abgemagert, oder labil. Das ist nur in ihm drin. Ich kann nichts erkennen von seiner Krankheit. Und wenn sein Bein kurz zuckt, dann zuckt auch mein Körper zusammen und ich denke mir – da, da ist sie. Das muss sie sein. Sie macht sich sichtbar -,doch es ist ja nur ein Zucken. Mehr nicht. Ich schließe die Augen, während ich dann neben ihm sitze. Weil ich daran zurückdenke, damals als Kind, wie ich der festen Überzeugung war, dass mich niemand sehen konnte, wenn ich nur die Augen zu hatte. Da ist kein Stempel. Da ist kein Jonas. Keine gemeinsame Wohnung, kein gemeinsames Bett, keine gemeinsame Vergangenheit, Gegenwart und vor allem keine gemeinsame Zukunft. Da ist nichts.

Sie kommt in Schüben, die Krankheit. Unangekündigt und das letzte, das wir gebrauchen können. Kräftezehrend. Wie Jonas Tante. Emilia steht vor mir im Türrahmen, grinst, hält ihre Reisetasche umklammert, die mir andeutet, dass sie vor hat zu bleiben. Ich will sie nicht reinlassen. Drinnen ist Jonas und hat den Schub, liegt rum, schläft, will in Ruhe gelassen werden. Aber weder Schub noch Tante Emilia können aufgehalten werden.

Sieben Dinge, die ich an Tante Emilia nicht leiden kann.

  1. Dass sie immer geblümte Tücher um ihren Hals trägt. In allen Variationen, Farben, und allesamt lassen sie sich nicht in ihrer Hässlichkeit überbieten.
  2. Dass sie ayurvedisch kocht und dabei glaubt, Jonas etwas Gutes zu tun. Und die ganze Bude riecht dadurch nach einer Mischung aus Weihnachten und einem Esoterikladen. Ich kann weder das eine noch das andere im Geringsten ausstehen.
  3. Dass sie, sobald Jonas eigenhändig ein Fenster öffnet, oder nur eine Tasse vom Küchenregal herunterholt, lächelt und weint zugleich.
  4. Dass sie mich mitleidig anschaut, dabei eine Schnute zieht, ihren Kopf zur Seite legt, sobald ich Jonas zum Lachen bringe.
  5. Dass sie Weihrauchständer in unserer Wohnung verteilt hat.
  6. Dass ich ihren lila Spitzen-BH in der Wäsche fand und ihn also kommentarlos mit waschen musste.
  7. Dass sie mir das Gefühl gibt, ein Recht darauf zu haben, hier zu sein. Ihn zu begleiten. Mehr Recht, als ich es habe.

Wir zählen Bäume. Es riecht nach Grillfeiern in der Nachbarschaft und also riecht es nach Sommer. Jonas und ich laufen, und wir zählen dabei die Bäume, die er schafft. Alle zehn Metern kommt der nächste Baum. Nach jedem blickt mich Jonas fragend an, und ich drehe mich immer weg, weil ich diese Frage nicht für ihn beantworten möchte. Ich will ihn nicht zum Weitergehen und Weiterkämpfen motivieren. Genauso wenig zum Zurücklaufen oder Verlieren. Das Einzige, was mir sinnvoll erscheint, ist dabei zu sein. Egal, wofür er sich entscheidet. Nach vier Bäumen dreht er sich um.

„Vier ist ne gute Zahl“, sagt er.

„Ja, vier war schon immer meine Glückszahl.“

„Das meintest du gestern schon bei sieben.“

Als Jonas und ich uns dann ins Kino setzen, als wir uns dann um das Halten der Popcorntüte kloppen, als ich die Popcorntüte schließlich auf meinem Schoß platzieren darf und davon esse, dabei nur mein Knacken im Mund höre, als Jonas dann meine andere Hand in seine beiden hält und ich also aufhöre zu kauen oder gar zu atmen, als dann das Licht flackert und ich aber nicht mehr auf die Leinwand achte, als alle Menschen aus dem Saal plötzlich verschwinden, als Jonas sich räuspert und ich mich also auch räuspere, dann ist da Stille und als dann Stille ist, schiele ich zu Jonas. Seine Nase ist durch das Licht der Kinoleinwand weiß, und er blickt starr nach vorne. Seine Lippen sind ein schmaler Strich. Da ist eine Träne direkt auf seinem Wangenknochen. Jonas weint nicht. Das ist eine Faustregel.

Ich ziehe meine Hand weg, und ich kann nicht sagen, warum.

Meine Hand greift zurück in die klebrige Masse. Ich blicke nach vorne und sehe nur noch Wald.

Emilia hat ausgemistet. Sie hat die Hälfte meiner Kühlschrankinhalte entsorgt. Sie hat mein Waschpulver weggeschmissen und es gegen ein neues, ökologisches eingetauscht. Sie hat meine Sachen in meiner Kommode umgeräumt, damit ihre Klamotten mit reinpassen. Sie quetscht sich in diese Wohnung.

Seit vier Tagen ist sie nun hier, und sie lächelt mich morgens an und fragt „Kaffee, Liebes?“, und abends lächelt sie mich an und fragt „Tee, Süße?“. Sie macht, dass ich mich als Gast fühle. Dabei benutze ich seit vier Jahren diese Toilette hier. Ich habe hier seit vier Jahren das Recht, mir morgens nackt meinen Kaffee von der Küche ins Bett zu tragen. Seit vier Jahren erweitere ich hier die Keramikschüsselsammlung. Ich habe es uns heimisch gemacht, nach und nach. Wir ließen uns Zeit mit dem Auspacken. Jonas wollte damit auch nichts zu tun haben. Mit dem Prozess des Einziehens. Er fand, dass ich das Recht hätte, alles so einzurichten, wie es mir gefällt. Die einzige Regel, die er stellte, war, dass das Schubladenfach direkt neben dem Kühlschrank zu sein hatte. Jonas, der Gewohnheitsmensch.

Und jetzt nimmt sie mir das weg. Emilia entzieht mir das Gefühl des Heimischen, und sie darf das, weil jetzt, jetzt sind wir im Ausnahmezustand. Jetzt hat Jonas seinen Stempel und vielleicht wäre es auch falsch, wenn ich mich noch immer in unserer Höhle wohlfühlen würde. Nicht einmal Jonas fühlt sich hier wohl, er wollte ja umziehen. Und wenn Emilia mir mit ihren Weihrauchkerzen das Heimische entzieht, dann holt sie gleichzeitig Jonas seine Heimat zurück. Sie bringt ihm die Gewohnheiten aus seiner Kindheit zurück. Die Küche riecht nach Pfannkuchen. Es ist ein altbekannter Geruch aus seiner Kindheit. Ich sehe Jonas Freude im Gesicht darüber. Sein Staunen. Als hatte er vergessen, dass es damals vor langer Zeit, als er halb so groß war, dass da die Küche in der er aufwuchs, nach gebratenem Fett roch. Als sei er dankbar für diese Erinnerung.

Ich betrete das dunkle Schlafzimmer und möchte das Licht anknipsen. Es geht nicht. Ich starre dorthin, wo ich die Decke vermute und drücke immer wieder verwirrt auf dem Schalter.

„Glühbirne ist kaputt“, höre ich Jonas aus dem Dunkeln sagen.

Seine Stimme klingt halbverschlafen und träge.

„Warum hast du nichts gesagt? Ich hätte sie doch einfach auswechseln können.“

„Ich mag es doch eh dunkel, wenn ich schlafe.“

„Hm.“

„Ich bin müde.“

Ich höre Jonas gähnen, und wie er sich im Bett dreht, und ich weiß, wie es aussieht. Dazu brauche ich kein Licht. Ich kenne jede einzelne Bewegung von ihm. Seinen Gesichtsausdruck, wenn er sich streckt, wenn er gähnt, wenn er schläft.

Ich verlasse das Schlafzimmer, ziehe die Tür wieder hinter mir zu und halte inne. Eine kaputte Glühbirne. Wie oft passiert so etwas im Leben? Und noch viel mehr und tief in mir drin, da frage ich mich, wie oft das noch in Jonas Leben passiert. Wie oft ihm noch eine Glühbirne durchbrennen wird, wie oft ihm noch ein Schnürsenkel reißt. Diese alltäglichen Unannehmlichkeiten, die so selten geschehen.

Während wir frühstücken, steht Emilia immer wieder von ihrem Stuhl auf. Sie steht auf, um klassische Musik im Radio anzumachen, um Kerzen anzuzünden, um neue Marmelade aus dem Kühlschrank zu holen. Sie steht auf, wenn sie auf die Idee kommt, nun doch noch ein Rührei für Jonas machen zu wollen. Ich sehe nur, wie sie umherwirbelt, und Jonas sitzt neben mir, lacht.

Ich frage Emilia, ob sie sich nicht endlich auch hinsetzen möchte. Ich könne ja auch etwas tun. Emilia winkt mich mit einer flüchtigen Handbewegung ab. Ich sage ihr, dass wir auch mit den Sachen auf dem Tisch ja satt werden. Sie lacht und meint: „Kindchen, darum geht es ja nicht. Ich will ja nur, dass wir das Frühstück genießen.“

Ich sage ihr, dass ich auch möchte, dass sie das Frühstück genießt, immerhin sei sie unser Gast. Sie lacht und meint „Ich fühle mich hier schon richtig zu Hause, Maja“, und ich schlucke schwer.

Jonas nimmt meine Hand. Sein Blick ist mahnend.

„Ich finde es übrigens toll, dass ich heute mit zur Physiotherapie darf, Jonas“, sagt sie. Ich blicke Jonas an. Er zieht seine Hand weg. Er lächelt seine Tante Emilia an und nickt. Ich weiß nichts von der Physiotherapie. Ich weiß von keinen Arztbesuchen, weil mich Jonas nie mitnehmen wollte. Er schielt kurz zu mir herüber. Sein Blick ist abweisend. Als wäre es selbstverständlich, dass seine Tante mitkommen darf. Als wäre ich ein Kind, das sich nicht aufzuregen hat. Emilia steht wieder auf. Sie dreht die Musik lauter. Ich höre nur Bratsche.

Im Traum laufe ich zu der Bar, in der ich mich damals mit Jonas immer traf. In der Jazz lief und in der er Pfefferminzschnaps bestellte. Draußen sitzen viele Menschen. Ihr gesamter Habitus wirkt, als wären sie den Zwanziger Jahren entkommen. Ich sehe kein Gesicht. Ich höre nur ihr Lachen, und ihre Stimmen versinken in einem Sumpf von dumpfen Tönen. Ich öffne die Glastür, und ein Glockenton erklingt über mir. Ich schiebe den roten Vorhang vor mir beiseite und betrete den Raum. Hier ist es still. Die Bar ist leer und verstaubt. Da sind Spinnennetze an den Stühlen, an den Hockern, am Klavier. Ich laufe auf den Tresen zu. Ich möchte mir etwas bestellen, aber es kommt niemand. Dann höre ich meinen Namen rufen, und ich drehe mich um. Jonas steht da, ruft mich, rennt auf mich zu. Der Raum verzerrt sich in die Länge, er hört nicht auf, je weiter Jonas rennt. Und dann stolpert er. Immer und immer wieder. Er rennt, stolpert, fällt hin, steht auf, rennt, stolpert, fällt hin, steht auf, ruft meinen Namen.

Und dann gehe ich. Ich verlasse einfach die Bar.

Ich wache auf und spüre ein Leuchten in mir. Es ist noch früh, das merke ich an der erst aufkommenden Helligkeit draußen. Jonas liegt neben mir, und ich höre ihn ruhig atmen. Aufstehen. Ich blicke aus dem Fenster. Draußen liegt Tau. Alles ist friedlich. Ich ziehe mich vorsichtig an. Unterwäsche, Socken, Jeans, T-Shirt, Pullover, Jacke. Ich verlasse das Schlafzimmer, gehe am Gästezimmer vorbei, in dem Emilia liegt und ich fühle mich leicht, sehr leicht. Ich packe meinen Rucksack. Ein Apfel, vier Müsliriegel, meine Wasserflasche, Brot mit Käse, meinen Geldbeutel, meine Zahnbürste, meine Zahnpasta, Seife. Ich überlege, ob ich einen Zettel schreiben soll. Aber ich wüsste nicht, was ich schreiben sollte. Und dann gehe ich. Ich ziehe die Tür hinter mir zu.  Die Treppenstufen laufe ich hastig hinab, fühle, wie sich mir alles entzieht. Da ist kein Stempel mehr, kein Jonas, kein Gefühl. Nur dieses Leuchten. Keine Frage, keine Antwort. Ich fühle mich benebelt, sorglos. Ich öffne die Haustür, und feucht kühle Luft peitscht mir entgegen. Es riecht nach erstem Frühlingsmorgen. Und dann laufe ich los. Ziellos in eine Richtung. Hauptsache weg von all dem. Ich denke an meine Mutter, wie sie sagt, ich sei noch jung. Aber das ist es nicht. Ich fühle mich weder alt noch jung. Ich fühle nur die Schritte unter meinen Fußsohlen.                               

Aus: Ziegel 15 ·  Hamburger Jahrbuch für Literatur 2017 · herausgegeben von Jürgen Abel · Antje Flemming ·Wolfgang Schömel · Dölling und Galitz Verlag Juni 2017

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