Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Text des Tages

doch nun ist es sommer

I
Einmal,
ist jedes Wort Gedanke,
bleibt Seelenfurche dem Himmel gleich
errötet.

Frage nun,
Chronos nach den Uhren des Abendlandes
Er wird dich zählen, in Sekunden!
Hast du jemals einen Mönch eilen sehen
durch Zen & Gärten aus Zypressen?

Die Hektik & Hysterie
hat mir die Ohren verklebt,
die Pollenstürme des Frühlings
waren einst Poesie
auf unsren Zungenspitzen

wir hörten sie nicht,
die Offenbarung der Sirenen
an der kalkgrauen Brandung

Wir waren Gefangene
unseres Duktus

doch nun ist es Sommer
& die Winde der Berge
ziehen sich zurück in weiße Höhen

 & der Wald flüstert leise
im knistern unserer Schritte
der Bach bleibt Bewegung,
bleibt Storm bis zum Meer,
wo er ermüdet

& jede Stille
wird Ohr & Muschel
zum Rauschen,
das uns heilt!

II
Frag die Stadt nur nach Ruhe,
doch erwarte keine Antwort
betrete Kapelle & Kloster
Über Pans Schwelle
& schmecke welche Früchte
sie in sich tragen

Dein ist Mein
Treiben & Fieber
mit dem Puls unter unsrer Haut
dem Kratzen,
wenn Lichter & Dunkelheit  
Begehren verkünden

& Wolfsaugen
wieder im milchigen Hof
erwachen
& wir archaisch versuchen
die Wildheit zu bemessen,
zu erschaffen,
zwischen Trunkenheit, Fanatismus
& Bargeflüster

III
Bleiben wir denn ewig
Weinnomaden
unter Rieslinghimmeln
& Chiantiküssen?

Vielleicht waren wir ohne Heimat
in diesem Land
ahnten was es heißt auf hebräisch
zu beten, zu fluchen
während Marmorengel
nur milde lächeln & schweigen

doch nun ist es Sommer
& die Halme der Felder
schenken uns Leinwände
von Monét

Du malst dein Sommerkleid
in sie, es ist weiß
& unbefleckt

So möchte ich dich konservieren
zwischen die Zeilen
aus Raps & Lavendel
als Lächeln
während die Sonnengöttin
uns grüßt & verbrennt
mit ihrer unverstandenen Liebe
(Cosa tiene insieme il mondo?)

IV
Dein Blick treibt
verschwommen
von den Ufern der Flüsse
aufwärts, der Quelle entgegen

dabei waren wir niemals
Ausläufer & Ursprung
in den Aleuten
vielleicht nur Hügelland
& Stromgebiet des Yukon
als Niederschlag
irgendwo anders

Wir sind Reisende im Nebel
& du kehrst dir den Rücken
mit einem Wort
findest dich in Kreis & Drehung
Buchstabierst es
Richtung Rivera
& fließt, fliehst in Bewegung

Eine Revolte gegen dein Kind
Könnte ich sagen
& danach schweigen
aber manchmal ist auch ein Flüstern,
zu laut für Emanzipation
& die Ohren werden zu Amphoren
zerbrechlich & schön

Dabei könnten wir die Triolen
deuten, die von den Bergen wehen
jedes Wort, ja jeder Klang ist
Gewebe & Geschenk
ungebunden
wie die Schuhe
der Bettler aus Elysium
die nach uns rufen.

Manchmal hören
wir die Stimmen
der elternlosen Kinder darin
& ahnen nichts
vom Zusammenhang
der mütterlichen Nacht
dem Fehlen der gemachten Betten,
der Unordnung
(in uns)

& wir geben diesem Zustand
einen Namen, etwas wie:
Flieg Albatros
singen ihn gegen Stein & Sand
während die Knochen in uns murmeln & knistern
& wir mit Kelchen & Göttern tanzen
im nie-genug der Stadt.

V.
Wir sind die Sprossen der Leiter,
der verschüttete Wein über den Dächern
der Aufbruch des Odysseus
& keine Deutung, für das was uns treibt!

Gelenke & Sprachen
zu Sanduhren & Gin

Lungengeäst & Leberwahn
zu Schläfenlärm & Silikonphantasie

diesseits & jenseits

schnell verblüht
der Gedanke zum Wort
das Wort zum Gefühl
das Gefühl zur Poesie

im Brandloch der Buche
als Mahnmal
verschenkter Wälder

Alles ist so viel weniger,
als es scheint (am Morgen)
& jemand ruft uns
väterlich aus der Nacht:

„Schaut Heimwärts,
ihr Engel!“

doch nun ist es sommer
Die Teiche & Seen
liegen unbewegt
an Grenzen & Stunden
die flachen Dächer
bitten zum Tanz
im Tango der Wolken

& die Stimmen
der Safranvögel
saugen uns das Lied
der Stadt aus den Ohren

& wir?

wir bleiben Reisende
wo Sterne uns suchen
als Kinder

& in uns bloß ein Himmel
der entscheidet
ob Tag oder Nacht

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