Text des Tages

das Schicksal meint es gut

… und grüßt
die Vorübergehenden mit
- Guten Tag!
nachdem sie längst verschwunden sind
nur hat man‘s nicht bemerkt
                                                                   Filipa Leal

 

früh am ersten Mai durch den Park,
jemand sagt Guten Morgen, jemand liegt
in eine bunte Decke gewickelt
auf einer Wiese, ist übrig vom Fest.
Rest, denke ich, aus allen Bars
melancholische Musik, als sei
August. Aus der ersten Bar
a cappella, vielleicht arabisch, schon
bin ich in einem Film über Marseille,
oder Calais, jedenfalls Frankreich,
ein Hafen, frühmorgens, erster Mai,
am Kai, jemand sitzt, sieht mich kommen,
sagt, salut ça va, wir kennen uns,
vielleicht von früher, vielleicht
vom Küssen, wir glauben beide an Zufall.
Außer dem Soundtrack alles still im Film,
erster Mai und zudem ist Streik. Gestern
Abend im Streit aus dem Haus, seither
unterwegs, bin hungrig, kann sein,
wir küssen uns am Ende des Tages,
oder des Films. Doch das
weiß nur das Drehbuch, aus dem ich trete
vor die nächste Bar, hier weht
Le fabuleux destin mir vor die Füße,
ein eingedellter Becher, Berliner
Schule, jetzt bin ich Protagonist,
der Genderwechsel tut mir gut. Ich blick
verlassen, verkatert aufs Wasser, die
Barmusik als Filmmusik geschickter Trick,
ich hätte gern und habe nicht, na klar,
das suggeriert der Reim, den ich mir
denke, ich geh an dieser Bar vorbei
wie an der ersten, tret auch aus diesem
Film heraus in einen anderen, vielleicht
in meinen eigenen, doch was heißt schon
eigen, ich mag die Stadt, die in dem Film
auch eine andre sein könnte, ich grüß
zurück, sag Guten Morgen, doch jemand
ist schon längst verschwunden
und ich hab’s nicht bemerkt

Mehr Bilder und Texte